top of page

Ferrari Luce: So sieht die elektrische Zukunft der Sportwagenmarke aus

  • Autorenbild: Beatrice Bohlig
    Beatrice Bohlig
  • 20. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Luce, italienisch für Licht, heißt der erste reine Stromer von Ferrari. In der Sphäre der Elektromobilität soll dieser flotte Fünfsitzer alles überstrahlen. Zum Start des Boliden in Rom ist electricar geladen.


John Jacob Philip Elkann strahlt über das ganze Gesicht. Gerade erst hat der Präsident des italienischen Luxuslabels Ferrari mit seinem Führungsteam die statische Weltpremiere des E-Sportwagens Luce in Rom beendet. Sekunden später nur beginnt der Sturm des Publikums auf die Bühne mit fünf Exem-plaren des neuen Boliden. Ein orkanartiger Sturm, um genau zu sein. Gewissermaßen Windstärke elf. Kein Wunder – das mit höchster Spannung erwartete Karosseriedesign ihres jüngsten Wurfs hielten die Strategen um Ferrari-CEO Benedetto Vigna bis zuletzt strengstens geheim.


Rund acht Monate zuvor, nach der Enthüllung des Chassis‘ und erster Eckdaten zum damals noch nebulös Elettrica genannten Starkstromer, hatte sich Elkann am Ferrari-Stammsitz Maranello entspannt Zeit genommen für ein Gespräch mit der Redaktion. Nun, in der architektonisch kühn gestalteten Eventlocation „Vela di Calatrava – Citta dello Sport“, stellt sich der sichtlich stolze Spross der altehrwürdigen Agnelli-Dynastie am blauen Luce bereit für ein Bild mit Autorin Beatrice Bohlig. Allein – für Roberto, den Hausfotografen, ist partout kein Durchkommen im Gedränge der neugierigen Ferrari-Gäste. „Dann beim nächsten Treffen“, so Elkann – was die Vorfreude auf das dynamische Erleben des Luce abermals steigert. electricar wird berichten.


Bild: Ferrari
Bild: Ferrari

Disput um das Design


Das überbordende Interesse am Ferrari Luce in der italienischen Hauptstadt setzt sich bis heute fort. Unvermindert. Rund um die Welt. Vor allem im Internet. Auf Fahrzeugforen, in Memes oder über das Karrierenetzwerk LinkedIn tauschen sich etablierte Ferrari-Eigner und solche, die es wahrscheinlich gern wären, intensiv über das erste reine E-Mobil mit dem tänzelnden Pferd im Wappen aus.


Der meistdiskutierte Aspekt des Luce ist zweifellos dessen äußere Gestaltung. Es polarisiert die Betrachter enorm, das vom kalifornischen Kreativverbund Lovefrom unter der Leitung des Ex-iPhone-Designers Sir Jony Ive und Marc Newson entworfene Exterieur des Luce. Letzteres Wort

bedeutet aus dem Italienischen ins Deutsche übersetzt schlicht Licht. Wo es ist, findet sich bekanntlich auch Schatten. Etwa in Form mal mehr, meist weniger fachkundiger Kommentare, die bisweilen so maliziös ausfallen, dass der Ferrari-Vertrieb seine offiziellen Handelspartner inzwischen um Stillschweigen auf externe Anfragen bittet.


E-Entscheider Die Ferrari-Granden John Elkann (rechts) und Benedetto Vigna nach der Premiere ihres neuen Modells. Bild: Ferrari
E-Entscheider Die Ferrari-Granden John Elkann (rechts) und Benedetto Vigna nach der Premiere ihres neuen Modells. Bild: Ferrari

Nähern wir uns sachlich dem Luce-Look. „Die Karosserieform wird vom Glass House bestimmt“, heißt es völlig zutreffend beim Hersteller. „Ein kompromissloses, schalenförmiges Design – schwebend wirkende Flügel vorn und hinten optimieren die Aerodynamik ebenso wie die Leistung“. Apropos: Bis zu 772 Kilowatt stehen in diesem flotten Viertürer bereit, umgerechnet 1050 PS beträgt die Höchstleistung. Lediglich 6,8 Sekunden vergehen beim Vollspurt aus dem Stillstand. Auf Tempo 200, wohlverstanden. Von null auf stammtischhundert schießt der 2,3-Tonner laut Datenblatt in 2,5 Sekunden. Auch die Höchstgeschwindigkeit – souveräne 310 Kilometer pro Stunde – kündet von einem Supersportwagen.


Zu dessen Blickfängern zählen hier „die größten gestuften Radgrößen, die je bei einem Ferrari Serienmodell für die Straße verbaut wurden“, wie es im Luce-Vademekum heißt, „23 Zoll vorn und 24 Zoll hinten“. Zwei Arten von Felgen stehen zur Auswahl – eine im aerodynamisch optimierten Turbinentrimm, dazu das Schmiederad mit offenem Fünfspeichendesign, wie es das electricar-Fotofahrzeug ziert. Die Bereifung vorn im Format 265/35 und hinten 315/30 liefern die Premiumanbieter Pirelli, Michelin sowie Bridgestone zu. Ein weiterer Eyecatcher ist die eigentümliche Anordnung der Scheibenwischerarme – in Ruhestellung liegen sie satt auf den A-Säulen des Luce.


Große überraschung in Rom electricar-Reporterin Beatrice Bohlig bei der Präsentation des ersten rein elektrischen Ferrari. Bild: Ferrari
Große überraschung in Rom electricar-Reporterin Beatrice Bohlig bei der Präsentation des ersten rein elektrischen Ferrari. Bild: Ferrari

Ära, wem Ära gebührt


Ferraris erstes Elektroauto ist zugleich der erste Fünfsitzer der Marke. Beim anderen Viertürer aus Maranello hingegen, dem Purosangue mit V12-Front-Mittelmotor und Getriebe hinten, lässt diese sogenannte Transaxle-Bauweise nur vier Einzelsitze zu. Beide Baureihen eint, dass ihre Portale im Heck gegenläufig zu den Vordertüren angeschlagen sind. Nach der Sitzprobe auch auf der Rückbank des Luce können Reporterin Bohlig, 1,80 Meter groß und schlank, sowie Autor Henning Krogh, gar nochmals 16 Zentimeter länger, jedoch von weitaus weniger zierlicher Statur, dem Ferrari kommode Reisetauglichkeit für ein Erwachsenen-Quintett attestieren. Zumal Ferrari das Kofferraumvolumen mit beachtlichen 597 Litern beziffert.


Mit Volumen Zwei Einzelsitze vorn und die Dreier-Rückbank machen den Luce zu einem vollwertigen Sportwagen für die Familie. Bild: Ferrari
Mit Volumen Zwei Einzelsitze vorn und die Dreier-Rückbank machen den Luce zu einem vollwertigen Sportwagen für die Familie. Bild: Ferrari

Für ausgedehnte Touren in einem E-Fahrzeug ist dessen Reichweite mit einer Batterieladung von besonderer Bedeutung. Für den Luce schätzt Ferrari, dass 530 Kilometer möglich sind. Noch läuft die entsprechende Homologation, nach deren Abschluss auch Werte zum Verbrauch nach WLTP-Zyklus verfügbar sein werden. Jetzt steht schon fest, dass sich an Schnellladestationen mit einer Leistung von bis zu 350 Kilowatt innerhalb von 20 Minuten 70 Kilowattstunden einspeisen lassen. Zur Einordnung: Insgesamt bietet der tief im Wagenboden platzierte Traktionsakku mit seinen 210 Pouch-Zellen, die der südkoreanische Zulieferer SK beisteuert, eine Kapazität von 122 Kilowattstunden.


Lang ist beim Luce die Liste weiterer technischer Highlights: Karbon-Keramik-Bremsen beispielsweise, Hinterachslenkung und ein vom Hypersportwagen F 80 deriviertes Aktivfahrwerk. Das Zusammenspiel mit den vier Permanentmagnet-Synchronelektromotoren, die jeweils ein Rad

antreiben, wird sich allerdings erst nach der eingangs erwähnten Dynamikpräsentation dieses Ferrari bewerten lassen.


Mutige Linien Trotz charakteristischer Rundleuchten wirkt das wuchtige Heck auf manche Betrachter stark gewöhnungsbedürftig. Bild: Ferrari
Mutige Linien Trotz charakteristischer Rundleuchten wirkt das wuchtige Heck auf manche Betrachter stark gewöhnungsbedürftig. Bild: Ferrari

Akustiken der Extreme


Ein wichtiges Entwicklungsziel der Ingenieure bestand darin, dem Luce mit allerlei strömungstechnischen Kniffen „den mit Abstand niedrigsten Luftwiderstandsbeiwert in der Geschichte der Straßenmodelle aus Maranello“ (Ferrari) zu verschaffen. Dies soll dem Stromverbrauch zugutekommen – und dem Geräuschpegel für Passagiere und Passanten bei bewusst ruhigem Dahingleiten. Ferrari spricht von „maximaler Stille“.


Doch der Luce kann auch ganz anders: „Die Geräusche, die die elektrischen Achsen erzeugen und als Vibrationen durch das Metall übertragen, werden in Echtzeit von einem Präzisionsbeschleunigungsmesser im Hinterachsgehäuse erfasst“, lässt Ferrari zum per Wahlschalter im Volant („e-Manettino“) variierbaren Sound wissen. „Der Sensor überträgt die lebendige Klangstruktur rotierender Komponenten, Zahnräder und Elektromotoren in den Innenraum, mit jeweils eigenem Klangprofil für die linke und rechte Seite“. Und weiter: „So entsteht eine unmittelbare Reaktion auf die Interaktion zwischen Pilot, Straße und Antriebseinheit“.


Bei der Uraufführung des Luce in Rom bekam das Publikum von der Ferrari-Regie per Videoeinspielung schon mal kräftig entsprechenden Schalldruck auf die Ohren. Und diese Hörprobe kann man sich ungefähr vorstellen als den Mix aus Live-Übertragung aus einer Gesteinsmühle, dem Dröhnen der Turbofan-Triebwerke startender Jumbo-Jets des Typs Boeing 747-8 sowie den schmissigen E-Gitarren-Riffs im Sportwagen-Song „Red Barchetta“.


Das Auge fährt mit Das Interieur des neuen Ferrari mutet so klar wie hochwertig an. Bild: Ferrari
Das Auge fährt mit Das Interieur des neuen Ferrari mutet so klar wie hochwertig an. Bild: Ferrari

Portfolio mit Potenzial


Dieser Gassenhauer des kanadischen Rock-Trios Rush fußt auf der Science-Fiction-Novelle „A Nice Morning Drive“ von Richard S. Foster und zeichnet eine dystopische Zukunft, in der Sportwagen mit lärmender Verbrennungskraftmaschine wie der legendäre Ferrari 166 MM gesetzlich rigoros verboten sind. Dem setzen die Italiener realiter ihre sogenannte Multi-Energie-Strategie entgegen: „Entsprechend dem Prinzip der Technologieneutralität ist Elektrifizierung nur eines der Mittel, mit denen Ferrari sein Gestaltungspotenzial in Bezug auf Produktarchitektur, Leistung, Design und Fahrerlebnis erweitern kann, ohne die bestehenden Motoren zu ersetzen“, verlautet es aus dem Management in Maranello zur Einführung des Luce.


Zu dessen Marktstart können Kaufinteressenten unter fünf Lacktönen wählen: „Rosso Fiammante“ (flammendes Rot), „Giallo Luce“ (pastellgelb), „Azzurro la Plata“ (hellblau), „Rosso Dino“ (blutorange) und „Bianco Artico“ (gedecktes Weiß). In Deutschland kostet der Luce 538.000 Euro inklusive Mehrwertsteuer.


„Wir haben ein Modell entwickelt, das einzigartige Emotionen beim Fahren mit außergewöhnlicher Leistung, Fahrvergnügen und Komfort für die Ferraristi von heute und morgen vereint“, resümiert Benedetto Vigna. Dabei lächelt auch Ferraris Vorstandschef rundum zufrieden.



 
 
bottom of page