• Armin Grasmuck

Neue Kraft auf dem Wasser: So entwickelt sich die maritime Elektromobilität

Die maritime Elektromobilität entwickelt sich höchst dynamisch, auch weil die vielfältigen Möglichkeiten in diesem Segment perfekt

zu dem Anspruch von zukunftsgerichtetem und nachhaltigem Verkehr passen.


Die Revolution der internationalen Schifffahrt hat bereits begonnen. Wie selbstverständlich nahm Ende April in Norwegen der weltweit erste vollelektrische Containerfrachter den Testbetrieb auf. Bewährt sie sich in den nächsten zwei Jahren, wird die „Yara Birkeland“ mittelfristig ihre Waren autonom, also vollkommen eigenständig, transportieren – ohne Besatzung und vor allem ohne klimaschädliche Gase in die Luft zu blasen.

Im norwegischen Süden befördert das riesige Frachtschiff diverse Düngemittel im Auftrag einer Firma. Vom Hafen des Ortes Brevik bis zum Unternehmensgelände sind es etwa 13 Kilometer. Zum Start der Testphase wird die „Yara Birkeland“ noch per Hand gesteuert. „Das Schiff ist mit Kameras ausgestattet, innen und außen, auch mit einer Nachtsichtkamera“, erklärt Kapitän Thomas Fevang. „Im Betrieb wird es zwischen unterschiedlichen Objekten im Wasser unterscheiden können. Diese Objekte werden zunächst vom Radargerät erfasst, dann vom Schiff gefilmt, und am Ende entscheidet das Schiff, wie es auf Hindernisse reagieren muss, um Zusammenstöße zu vermeiden.“


Er als Kapitän werde dann nicht mehr auf dem Schiff stehen, sagt Fevang, sondern an Land sitzen und kontrollieren, ob die Technik alles im Griff hat. Aus der Arbeit auf See wird mittelfristig ein Bürojob.


Die maritime Elektrotechnik entwickelt sich höchst dynamisch, auf dem Meer und Binnengewässern, auch weil die vielfältigen Möglichkeiten in diesem Segment perfekt zu dem Anspruch von zukunftsgerichtetem und nachhaltigem Verkehr passen. Sonne, Wind und Wasser – die Quellen der erneuerbaren Energie scheinen im maritimen Bereich unerschöpflich. Kein Wunder, dass die Lösungen im Ideal der Mobilität von morgen in diesem Ambiente mit Hochdruck erforscht und entwickelt werden.


Vollständig emissionsfrei

Ebenfalls in Norwegen ist seit gut einem Jahr die weltweit erste elektrische betriebene Auto- und Passagierfähre in Betrieb. Ihr Verbrauch liegt pro Strecke bei nur 150 Kilowattstunden, so viel wie ein norwegischer Durchschnittshaushalt in drei Tagen benötigt. Das komplett elektrische Antriebssystem hat Siemens in Zusammenarbeit mit dem Schiffsbauer Fjellstrand entwickelt. Es basiert auf Lithium-Ionen-Batterien, die mit aus Wasserkraft gewonnenem Strom geladen werden. Mit ihren drei Akkupaketen, eines an Bord und eines in jedem Hafen, fährt die Fähre vollständig emissionsfrei. Und: Norled, der Schiffseigner, hat seine Treibstoffkosten durch den Wechsel zum Batterieantrieb um bis zu 60 Prozent gesenkt. „Wir sind optimistisch und begeistert von dieser Technologie und davon, wie sie die Zukunft der umweltfreundlichen maritimen Technik und des Schiffsbau mitgestaltet“, sagt Mario Azar, CEO der Siemens Business Unit Oil & Gas and Marine.


Für den hybriden Ansatz auf hoher See hat sich der Betreiber Scandlines entschieden, der die erste Passagierfähre auf der Strecke von Puttgarden nach Rodby bereits vor neun Jahren entsprechend umrüstete. Die Europäische Union war von der Zukunftsfähigkeit dieses Projekts überzeugt und unterstützte es mit EU-Fördermitteln. Inzwischen besitzt und betreibt Scandlines die weltweit größte Flotte an Hybridfähren. Durch den Wechsel von reinem Diesel- auf Hybridantrieb konnte der CO2-Ausstoß um etwa 15.000 Tonnen pro Jahr reduziert werden. Dies entspricht etwa den Emissionen von 340 durchschnittlichen Haushalten in Deutschland.


Hybrid auf dem Wasser? Im Normalbetrieb sind nur zwei oder drei der ursprünglich fünf Dieselgeneratoren in Betrieb – mit einer Leistung von 40 bis 55 Prozent auf See und acht bis zehn Prozent im Hafen. Einer dieser Generatoren ist durch ein Batteriepaket mit der Kapazität von 1,6 Megawattstunden – dies entspricht der Leistung von 182 Hybridautos des Typs Toyota Prius – ersetzt worden. Das Akkupaket wird parallel zu den verbliebenen Dieselgeneratoren betrieben. Es sorgt dafür, dass die Generatoren die optimale Belastung von 85 bis 90 Prozent erreichen. So wird Kraftstoff gespart und in der Konsequenz die Umwelt weniger belastet.


Hoch im Norden

Hybridfähren, die mit einer Kombination aus Diesel und Strom angetrieben werden, verkehren bereits zwischen Rostock und dem dänischen Hafen Gedser.


Auch VW steigt ein

Selbstverständlich liegt der elektromobile Ansatz auch im Bereich der kleineren ­Schiffe, Boote und Yachten voll im Trend. Sogar die Automobilgiganten von Volkswagen haben inzwischen ihren eigentlich für Personenkraftwagen entwickelten Modularen E-Antriebs-Baukasten MEB auf das Wasser gebracht – und mit Silent Yachts, einem Vorreiter für solarelektrisch angetriebene Katamarane, kooperiert. An dem Projekt ist zudem Cupra, der sportliche Ableger der VW-Tochter Seat, beteiligt. Silent Yachts, ein Unternehmen mit Sitz in Klagenfurt, Volkswagen und Cupra arbeiten mit Hochdruck an dem topmodernen Modell „­Silent Yacht 50“

mit MEB-Antrieb, von dem nach einer Anlaufzeit von 48 Monaten mindestens 50 Exemplare pro Jahr produziert werden sollen.

Ohne Steuermann

In Norwegen nahm Ende April das erste autonome Frachtschiff den

Testbetrieb auf. In Zukunft soll es sich selbst durch die Meere lenken.


Visionen und mehr

Einen fliegenden Luxuskatamaran hat vor ein paar Wochen der renommierte Designer Pierpaolo Lazzarini vorgestellt. Das atemberaubende Luftschiff „Air Yacht“ gleitet über das Wasser oder durch die Wolken. Es ist als Katamaran konzipiert, zwischen zwei 150 Meter langen Zylindern befindet sich ein 80 Meter langes Mitteldeck, Stege aus Carbon verbinden das Deck mit den Hüllen. In der zentralen Einheit gibt es einen Ess- und einen Wohnbereich sowie fünf Kabinen mit Bad an den Außenseiten. Sie so sieht das luxuriöse Reisen den Zukunft aus? Kreuzfahrten auf Wasser und in der Luft? Die Spitzengeschwindigkeit der Air Yacht ist geringer als bei einem Jet, dafür kann sie bei Bedarf langsam gleiten.


Läuft es wie geplant, kann das Wasserluftschiff – nur angetrieben aus der Energie von Solarkraft – 48 Stunden lang mit einer Geschwindigkeit von 111 Stundenkilometern fliegen. Es benötigt keinen Flughafen, kann auf jeder großen Wiese oder auf dem Wasser landen. Mit geringer Geschwindigkeit kommt es auch auf dem flüssigen Element voran. Preis: 550 Millionen Euro. Die Zahl der potenziellen Kunden bleibt also überschaubar.


Bereits in der Gegenwart praktikabel sind die kleineren Wasserfahrzeuge mit Elektromotoren. Jetskis, Jetboards und Co. – dieser Markt wächst bereits seit geraumer Zeit rasant. Da gibt es die konventionellen E-Surfboards, auch Jetboards genannt, die dem klassischen Surfbrett optisch sehr ähnlich sind, die E-SUP – Stand Up Paddle Boards mit Elektromotor – und neuerdings auch die Hydrofoils, mit denen die Aktiven praktisch über die Wasseroberfläche fliegen können.

Massiv und SCHNELL

Die batteriegetriebenen Jetskis

erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 65 km/h, die Topmodelle kosten mehr als 20.000 Euro.


Einige der strombetriebenen Surfbretter verwenden Propeller, andere einen Jetantrieb – preisintensiv sind sie alle. Die Spanne reicht im Segment der E-SUP, die mit drei bis elf Stundenkilometern über das Wasser gleiten, von 500 bis 2.500 Euro. Die massiven Jetskis erreichen Spitzengeschwindigkeiten von bis zu 65 km/h, sie kosten das Zehnfache.


Als Anlaufstellen der kleinen und der größeren werden künftig die sogenannten ­Ladeinseln oder -plattformen auf dem Wasser dienen, die vor den Küsten installiert werden. Diese schwimmenden Stromtankstellen sind für jedermann gut zu erreichen und normalerweise auch entsprechend günstiger als der Liegeplatz samt Stromanschluss im Hafen.


Bildquelle: Maersk Supply Service

Ideal zum Nachladen

Sonne, Wind und Wasserkraft – an den neuen Ladeinseln können strombetriebene Schiffe ihre Akkus aufladen


Bodensee elektrisiert

Ab Ende Juli schippert die erste mit Strom betriebene Fähre über Deutschlands größtes Binnengewässer. Bis zu 300 Passagiere werden dann täglich auf Kurzstrecken in Baden-Württemberg befördert. Es ist das erste Modell der sogenannten „Weißen Flotte“, die von den Bodensee-Schiffsbetrieben (BSB) eingesetzt wird. Die Fähre, die als Katamaran auf zwei Kufen über das Wasser gleitet, kann über ihre Photovoltaik-Anlage sogar eigenen Strom produzieren und damit rund ein Fünftel des Energiebedarfs decken.