Roboter auf Rädern: Wie KI und Halbleiter das autonome Fahren revolutionieren
- Armin Grasmuck

- 9. Apr.
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 15. Apr.
Superstarke Halbleiter und Rechner, Autofahren ohne Hand am Steuer: Mercedes und Nvidia konzipieren in enger Kooperation die Mobilität von morgen. Die Modelle der nächsten Generation denken und lenken in Eigenregie.
Diese Partnerschaft klingt gehaltvoll und vielversprechend: Mercedes-Benz und Nvidia, der traditionsreiche Premiumhersteller von Automobilen aus Deutschland und der amerikanische Gigant der Halbleiter. Kooperativ konzipieren diese beiden Unternehmen die Mobilität von morgen. Das konkrete Projekt lautet: autonomes Fahren. Und in nächster Konsequenz: Robotaxis.

Mercedes plant bereits in diesem Jahr, in den USA ein Fahrassistenzsystem auf den Markt zu bringen, das neue Maßstäbe setzt. Diese Funktion namens „MB.Drive Assist Pro“ soll es unter Aufsicht des Fahrers ermöglichen, weitgehend autonom auf städtischen Straßen zu fahren. Das batteriegetriebene
Auto überquert demnach Kreuzungen, es biegt ab und reagiert auf Ampeln. Für 3950 Dollar, umgerechnet knapp 3400 Euro, kann das neue System drei Jahre lang genutzt werden. Eine vergleichbare Funktion bietet bislang nur Tesla an. Das Full-Self-Driving-System des US-Herstellers kostet 8000 als Einmalkauf oder 99 Dollar pro Monat im Abonnement.
Bereits für das nächste Jahr planen Mercedes und Nvidia, darauf aufbauend einen eigenen Dienst mit vollständig autonom fahrenden Robotaxis an den Start zu bringen. Laut Jensen Huang, dem Konzernchef von Nvidia, können die Fahrzeuge der nächsten Generation jede Verkehrssituation analysieren, Regeln beachten und Entscheidungen treffen. Ab 2028 soll diese Technik auch in privaten Autos verfügbar sein.

Auf der Technikmesse CES in Las Vegas untermauerten Nvidia, das derzeit wertvollste Unternehmen der Welt, und Mercedes, mit welcher Vehemenz sie gegen Konkurrenten wie Tesla und die bereits im Publikumsverkehr eingesetzten Robotaxis von Waymo antreten. Mittels künstlicher Intelligenz soll auch das luxuriöse Erlebnis in den Limousinen und SUV des renommierten deutschen Autoproduzenten um professionelle Musikdienste und höchsten Komfort unter dem Motto „Welcome Home“ abgerundet werden.
Den aktuellen Stand der Zusammenarbeit präsentierten die Entwickler zuletzt in San Francisco. Ein neuer Mercedes CLA fuhr dort quasi in Eigenregie 45 Minuten lang durch den Stadtverkehr. Der im Auto anwesende Sicherheitsfahrer hatte laut Hersteller nur in wenigen Situationen einzugreifen. Mit zehn Kameras, fünf Radar- und zwölf Ultraschallsensoren, die ihre Rohdaten an einen extrem leistungsstarken Rechner lieferten, erkannte der CLA beispielsweise, ob Fußgänger die Straße überqueren möchte oder nicht. In China ist das neue Assistenzsystem bereits seit Ende des vergangenen Jahres erhältlich.
Im Bereich der Robotaxis setzt Nvidia zudem auf Kooperationen mit dem amerikanischen Autobauer Lucid und Uber (siehe Seite 97). Die Technologie des Chip-Produzenten, die zuverlässig die 360-Grad-Sicht und im urbanen Verkehr sekundenschnell künstlich intelligente Entscheidungen ermöglicht, gilt in dem zukunftsträchtigen Segment als Schlüsselfaktor.


Hyundai: E-Mitarbeiter in der Produktion
Unter dem Motto „Partnering Human Progress“ – auf Deutsch: Partnerschaft für den menschlichen Fortschritt – hat die Hyundai Motor Group auf der CES ihre Strategie für KI-Robotik vorgestellt. Für die Besucher der Technikmesse ergab sich die Möglichkeit, Roboter wie den humanoiden Atlas von Boston
Dynamics live zu erleben. Hyundai stellte zeitgleich den Transporter MobED vor, einen Prototypen für Logistik und autonome Navigation. Das Zusammenspiel zwischen Mensch, Roboter und Fahrzeug soll in über Software gesteuerten Fabriken umgesetzt werden. Der koreanische Autobauer arbeitet zudem an Robotaxis, bis Ende des Jahres werden die ersten Fahrgäste chauffiert.

Donut Lab: Feststoffbatterie serienreif
Das ist der Paukenschlag zum Jahresbeginn. Donut Lab, ein Cleantech-Unternehmen aus Finnland, präsentiert in Las Vegas die erste serienreife Feststoffbatterie – also die Speicher-einheit, auf welche speziell die Treiber der Elektromobilität sehnsüchtig warten. Das System verspricht hohe Energiedichte sowie eine Ladezeit von null auf 100 Prozent in nur fünf Minuten – und bis zu 100.000 Ladezyklen bei niedrigeren Kosten im Vergleich zu den Lithium-Ionen-Akkus, die derzeit in Elektrofahrzeugen eingesetzt werden. Laut Donut Lab ist die Feststoffbatterie ab sofort einsetzbar und bereits in Serienfahrzeugen wie dem E-Motorrad von Verge Motorcycles verbaut. Produziert werden die revolutionären Akkus demnach in der finnischen Heimat, mittelfristig auch in Großbritannien, den USA und im arabischen Raum.


BMW: KI-Assistent Alexa+ an Bord
Der künstlich intelligente Helfer für den iX3 – das erste Serienmodell der Neuen Klasse – ist der Akzent, mit dem BMW in dieses Jahr startet. Durch die Integration von Amazon Alexa+ sind natürliche Dialoge zwischen Mensch und Auto möglich. Der KI-Assistent versteht verbale Eingaben, formuliert selbständig und erklärt auf Wunsch die Funktionen des Fahrzeugs – von den Antriebsmodi bis hin zu persönlichen Tipps. Selbstverständlich verbindet sich das System auch nahtlos mit den Konten des Online-Händlers Amazon, etwa für das professionelle Streamen von Musik. Laut BMW kommuniziert Alexa+ wie ein sprechendes ChatGPT mit dem Fahrer. Ab diesem Sommer starten die Münchner als erster Hersteller diese Technologie in Deutschland und den USA, später modellübergreifend.

Uber: Robotaxi von Lucid
Der amerikanische Autobauer Lucid Motors und Uber arbeiten in einer strategischen Kooperation an dem Aufbau einer riesigen
Flotte von Robotaxis. 300 Millionen Dollar, umgerechnet rund 258 Millionen Euro, investierte der Fahrdienstleister im vergangenen Herbst in Lucid, um 20.000 SUV-Modelle sechs Jahre gewerblich betreiben zu können. Die Robotaxis basieren auf der Plattform, die Lucid für den Bau von E-Fahrzeugen entwickelt hat, nach der Formel: redundante Architektur, hohe Reichweite, Autonomie auf Level-4-Standard und Halbleiter von Nvidia. Produziert werden die Autos im Lucid-Werk in Arizona. Die ersten Tests laufen seit Anfang Januar, spätestens Ende des Jahres sollen die Robotaxis von Uber offiziell in einer US-Metropole fahren.


Bosch: Software der Zukunft
Einen KI-fähigen Hochleistungsrechner für die Cockpits smarter Fahrzeuge hat der renommierte Autozulieferer auf der CES in Las Vegas vorgestellt. Die AI Extension Platform erweitert bestehende Infotainment-Systeme um künstlich intelligente Pointen wie den Sprachassistenten oder persönliche Erlebnisse. Das Cockpit des Autos soll auf diese Weise laut Bosch zu einem stetig lernenden Begleiter werden. Konkret heißt das: Die Software der Zukunft sieht und hört durch Algorithmen, die visuelle und auditive Daten verarbeiten. Routinen, Vorlieben und Szenerien, etwa der gewünschte Parkplatz am Zielort, werden von dem KI-Assistenten erkannt und abgespeichert. „Das Cockpit wird zu meinem persönlichen Raum“, sagt Tanja Rückert, Geschäftsführerin von Bosch.



