• Armin Grasmuck

Freie Fahrt, chic und smart: Der U5 von Aiways



Oha, was kommt denn da für einer? Der U5 bringt selbst die Passanten im Herzen von Bayern, die in der Heimatregion namhafter Hersteller und Zulieferer traditionell mit hochwertigen Karossen gesegnet sind, zum Staunen. Ja, was ist das für einer? Dieses erste Auto von Aiways, den nur relativ wenig bekannten Neustarter aus Schanghai, zieht die Blicke auf sich. So viel ist klar. Auf der Testfahrt von electricar erkundigen sich mehrere Interessierte nach Marke und Modell. Sie scheinen beeindruckt von dem flotten Design und dem pfiffigen Auftritt des vollelektrischen SUV. Keine Frage, dieser Stromer macht Lust auf mehr.


electricar-Redakteur Armin Grasmuck fuhr mit dem Aiways U5 über die oberbayerischen Landstraßen und Autobahnen.

Wow-Effekt zum Einstieg


Aiways? U5? Ein neuer Anbieter? Gebaut in China? Zugegeben, wir waren ein wenig skeptisch, als wir die Schlüssel für den Wagen ausgehändigt bekamen. Doch der Blick ins Innere sorgte bereits für den ersten Wow-Effekt: Klare Linien, hochwertiges Material und jede Menge Platz – es weht ein Hauch von perfekt durchgestyltem und hochproduktivem Luxus, wie ihn auch die Produkte des Technikgiganten Apple ausstrahlen, durch das Auto. Die Designer in Fernost haben den Innenraum bewusst reduziert gehalten. Bekannte Schaltknöpfe und Regler, die in anderen Wagen zum Standard gehören, fehlen im U5. Viele Funktionen sind über das Touchpad zu steuern. Es kostet ein paar Minuten, sich an diese neue Art des Fahrens zu gewöhnen. Ein Handschuhfach? Nein, danke. Dafür große Freiheit für die Beine des Beifahrers. Und zwei schicke Haken auf Kniehöhe, an der sich Taschen und Tüten aufhängen lassen. Die Mittelkonsole, zweigeteilt auf Arm- und Fußhöhe, bietet ausreichend Platz zur Ablage. Fuß auf das Bremspedal, der Motor geht an – wir sind startklar.


Mit einem leisen, kernigen Surren, das an einen Düsenjet erinnert, fährt der Aiways los – und, wie es sich für ein Elektroauto gehört, schiebt er kräftig an. Gut 200 PS, knapp 8 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Der U5 liegt gut und stabil auf der Straße, er wirkt auch bei höheren Geschwindigkeiten zuverlässig. Auf der Autobahn erreichen wir leicht bergab in der Spitze 169 km/h, dann riegelt der Motor automatisch ab – auch um Strom zu sparen.


400 Kilometer beim vollem Akku verspricht die Anzeige im Display. Dieser Wert bleibt realistisch, wird der Wagen zurückhaltend, im Eco-Modus und im unteren Bereich des Tachometers gesteuert. Mag es der Fahrer eher sportlich, drückt er das Gaspedal durch und jagt er den Elektro-SUV jenseits der 120 km/h, wird die Reichweite entsprechend deutlich reduziert. Der durchschnittliche Verbrauch des Aiways U5 liegt laut ADAC bei 24,7 kWh pro 100 Kilometer. Das ist etwas mehr als der VW ID.4 und deutlich weniger als der Mercedes EQC benötigen, beides direkte Konkurrenten in dieser Klasse. Erfreulich: Das Schnellladen am Rasthof an der Autobahn funktioniert reibungslos. In einer halben Stunde können wir gut 200 Kilometer Reichweite tanken.



Die Premium-Version des U5, die wir zum Test fahren, ist üppig ausgestattet: LED-Scheinwerfer, Panoramadach, Parkassistent, Rundumkameras, Sitzheizung, Abstandstempomat und jede Menge andere Assistenten. Nur auf das Navigationssystem warten die Aiways-Kunden vergebens. Der Hersteller aus Fernost hat bewusst darauf verzichtet, um die Kosten gering und Kaufpreis attraktiv zu halten. Für Liebhaber des digitalen Kartenmaterials, samt Fahrzeit und aktuellen Verkehrsmeldungen ist es gewöhnungsbedürftig, andere können leicht darauf verzichten. Der Link zum Kompromiss: Über ein USB-Kabel können Smartphones verbunden und die Apps zur Navigation von den Apple- und Androidgeräten auf dem Touchscreen des U5 dargestellt und genutzt werden.



Achtung, Kamera!


Absolut zuverlässig, aufmerksam und nachhaltig sind die Sicherheitssysteme, die das Geschehen auf der Straße, aber auch das Verhalten des Fahrers konsequent analysieren. Kräftig und sehr direkt kommt die Ansage aus dem Lautsprecher, wenn die Kamera, die – vorne links eingebaut – unentwegt den Fahrer im Fokus hat, etwa ein Gähnen registriert. „Müdigkeit am Steuer erhöht die Wahrscheinlichkeit eines Unfalls“, so warnt eine männliche Stimme lautstark und mit dem Unterton des Oberlehrers, die uns durch Mark und Knochen fährt: „Machen Sie eine Pause!“ Wir fühlen uns beobachtet und schalten diese Sicherheitsvariante ab. Andererseits: Für den Fahrer, der stark übermüdet hinter dem Lenkrad sitzt, ist diese Art der Ansprache wahrscheinlich genau die richtige.


Stark reagiert der U5 nach dem Tritt auf das Bremspedal, das Zusammenspiel zwischen der durch den Elektromotor verzögerte Rekuperation, die neue Energie in den Akku saugt, und der eigentlichen Radbremse klappt perfekt. Die Bauteile in diesem Bereich liefert Premiumhersteller Bosch, die meisten dieser speziellen Technikelemente werden beispielsweise auch im Porsche Taycan verwendet. Im Stau auf der aufgrund einer Baustelle stark verengten Autobahnfahrbahn kommt der Verkehr überraschend zum Stillstand. Wir müssen hart auf die Bremse steigen, der U5 steht schnell und rechtzeitig. Uns fällt auf, dass dieser SUV mit seinen knapp 1,8 Tonnen kein ausgewiesenes Schwergewicht und selbst in brenzligen Situationen geschmeidig zu fahren ist. Er lässt sich lenken, hält die Spur, reagiert jederzeit verlässlich. Auch hier haben die Konstrukteure ganze Arbeit geleistet.


Gigantisch viel Platz


Für Geschäftsreisende und andere Vielfahrer besonders interessant: Das Platzangebot ist außergewöhnlich. Fahrer und Beifahrer sitzen großzügig und opulent auf bequemen Lederpolstern, im hinteren Bereich wird es noch voluminöser – viel Luft und jede Menge Raum. Selbst die größer Gewachsenen werden im Normalfall nur selten mit den Knien an die Vordersitze oder mit dem Kopf an die Wagendecke stoßen.


Im U5 gibt es kein Handschuhfach, nur zwei Haken. Dafür profitiert der Beifahrer von großzügiger Beinfreiheit, persönliche Dinge werden in der Mittelkonsole verstaut.

Das Volumen des Kofferraums beträgt 432 Liter, unterhalb der Ladefläche sind zwei weitere Ebenen integriert, auf denen Transportgüter gut verstaut werden können. Werden die Lehnen der Rückbänke komplett waagrecht umgeklappt, bietet sich eine riesige Ladefläche, die der ein oder andere mit der passenden Matratze auch schon als Übernachtungsgelegenheit genutzt haben soll. Den idealen Platz für die Ladekabel haben die Konstrukteure im Frunk gefunden. Es handelt sich dabei um den Kofferraum unter der Motorhaube, der sich bequem über einen Hebel im Holm der Fahrertür öffnen lässt. Die Kabel, perfekt in der Nähe des Ladesteckers vorne links positioniert, lassen sich auf diesem Weg jederzeit schnell und einfach aus- und einpacken.



Der Aiways U5, dieser riesige Elektro-SUV, ist in der Basisversion bereits ab 35.993 Euro zu haben, macht nach Abzug der Förderung knapp unter 30.000 Euro – für ein Auto dieser Klasse unschlagbar, und sogar günstiger als mancher Kleinwagen, Die Premium-Version, die wir im Test fahren, gibt es für 39.000 Euro vor Förderung. Ein gleichwertig ausgestatteter Mercedes EQC kostet nahezu das Doppelte. Der chinesische Hersteller kann das Auto so konkurrenzlos günstig anbieten, weil er auch im Vertrieb und beim Kundendienst knallhart kalkuliert, ohne die speziell im Pkw-Geschäft üblicherweise sehr aufwändige Infrastruktur.


Aiways, was ins Deutsche übersetzt so viel wie „Gute Fahrt“ bedeutet, betreibt keine eigenen Autohäuser und Werkstätten, der U5 kann nur im Internet oder über die Filialen des Elektrofachmarktkette Euronics gekauft werden. Service und Wartung werden über die Filialen der Werkstattkette A.T.U abgewickelt, die in ganz Deutschland verbreitet sind. Erst nach 100.000 gefahrenen Kilometern wird die erste Inspektion fällig. Die Lieferzeit für den U5 beträgt derzeit sechs Monate. Seit kurzem ist das Premierenmodell auch im Abo über die Plattform finn.auto zu mieten – ab 399 Euro im Monat, alles inklusive, nur das Stromtanken muss der Abonnent noch zusätzlich bezahlen.


Perfekte Alternative


Der Senkrechtstarter aus China hat uns optisch außen wie innen beeindruckt und auch auf der Straße positiv überrascht. Er schnurrt ruhig und komfortabel. Wird er mit Bedacht gefahren, beweist er große Ausdauer, was die Reichweite betrifft. Der Platz im Wagen ist gigantisch, höchst attraktiv der Preis. Diese Attribute machen den U5 zu der perfekten Alternative für kühl und nüchtern rechnende Kunden. Einzig der Bereich der Bordtechnik gerät zur Glaubensfrage. Kein Navigationsgerät, einige traditionell auf der Armatur angebrachte Steuerelemente konsequent auf den Touchscreen verlegt – daran muss sich der Fahrer im Aiways gewöhnen. Wer bereit ist, sich auf die neuen Bedienelemente einzulassen, wird an dem U5 viel Freude haben – und die Blicke der Passanten auf sich ziehen.


Technische Daten

  • Hersteller: Aiways

  • Modell: U5

  • Antriebsart: Elektro

  • Leistung: 150 kW / 204 PS

  • Antriebsachse: Front

  • Reichweite: 400 km

  • 0-100 km/h: 7,8 Sekunden

  • Spitze: 160 km/h

  • Preis: ab 35.993 €

  • Türen: 5

  • Kofferraumvolumen: 432 l

  • Maße / Gewicht: 4.680 x 1.870 x 1.700 mm / 1.720 kg