Kolumne Kurt Sigl: Gaffen auf den Felsrutsch
- Kurt Sigl

- 29. Sept. 2025
- 2 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 30. Sept. 2025
Ist die Autoindustrie schon am Ende – oder nur kurz davor? Darüber wird in Deutschland derzeit mitunter heftig diskutiert. Die einen geben noch spitzfindige Ratschläge, meist für den Einzelfall. Die anderen winken ab und suhlen sich im Fatalismus.
Alle wissen: Zu viel Beamtentum hat sich in die Unternehmen geschlichen. Endlose Sitzungen, keine Entscheidungen. Nirgends eine zündende Befreiung. Stattdessen starrt der Verstand gebannt auf den Felsrutsch der deutschen Volkswirtschaft: Volkswagen will bis 2030 rund 35.000 Stellen in Deutschland streichen. Daimler Truck kündigt im Programm „Cost Down Europe“ 5000 Jobs weniger bis 2030 an. Mercedes-Benz nennt sein Schrumpfkonzept „Next Level Performance“ – und meint damit 30.000 Mitarbeitende bis 2027. Selbst der Handelsblatt-Autogipfel bei BMW ist geplatzt: Finanzierung nicht gesichert, steht nüchtern auf der Website.
Noch nicht einmal über das Autoland mag man gerade reden. Deutschland versucht, zu seinem einstigen Exportschlager zu schweigen. Weder Geldgeber noch Arbeitnehmervertreter oder Politik fordern Taten. Keiner verlangt den Wandel.
Man kann es drehen und wenden, wie man will: Deutschland hat den Mut verloren. Mut entsteht nicht durch Appelle, sondern durch Unternehmertum, Handlungsfreiheit, passende Strukturen – und Vorbilder, die Chancen sichtbar machen. Mut kann man organisieren. Das funktioniert jedoch nur, wenn Risiko nicht bestraft, sondern als notwendiger Teil des Fortschritts akzeptiert wird.
Davon ist hierzulande nichts zu sehen. Die Angst vor Verlust ist größer als die Lust auf Chancen. Entscheider bleiben lieber im vertrauten Rahmen. Die Furcht vor Medienschelte ist größer als der Wille zur Aktion. Jahrzehntelanger Exporterfolg hat eine Komfortzone geschaffen, in welcher der Blick auf die Altersbezüge wichtiger ist als der auf die Zukunft.
Und die Vorbilder? Nun ja: Der deutsche Verkehrsminister hat soeben den Bahnchef entlassen. Ziemlich plötzlich. Und – bizarr genug – ohne Nachfolger. So lange sowas möglich ist, gibt es immerhin noch genug Kinoprogramm für den Abstieg.

Hier schreibt Kurt Sigl
Er streitet, poltert und insistiert. Er treibt und verbindet, erklärt und stört. Kurt Sigl ist Experte der Elektromobilität und schickt für jede Ausgabe von electricar eine E-Mail aus Ingolstadt, in der er aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Themen seiner Branche analysiert und kommentiert. Als Mitbegründer und langjähriger Präsident des Bundesverbandes eMobilität gilt Sigl als Leitfigur auf den Gebieten der Elektromobilität und der erneuerbaren Energie. Der kernige Oberbayer, einst im Dienst von Audi, punktet mit seiner über Jahrzehnte ausgeprägten Expertise und der Gabe, Menschen zusammen zu bringen. Mit Nachdruck arbeitet er daran, traditionelle Strukturen und Denkmuster zu hinterfragen, um Raum für neue und zukunftsfähige Modelle zu schaffen.


