• Christoph Lumetzberger

"Muss immer alles passen?" - Interview mit Joko Winterscheidt

Als passioniertem Alles-Ausprobierer wird es Joachim Winterscheidt, den alle nur „Joko“ rufen, niemals langweilig. Egal ob eine Produktionsfirma für TV-Inhalte oder eine Weinsorte, egal ob Podcast oder Socken: Winterscheidt probiert gerne aus, sammelt Erfahrungen und lässt manchen Dingen einfach freien Lauf. Unser Redakteur Christoph Lumetzberger hat den 43-jährigen, gebürtigen Mönchengladbacher zum kurzweiligen Gespräch gebeten.



Sie haben in Ihrem Leben ja wahrlich schon viel gemacht und probiert,

sind nicht nur prominenter Fernsehstar, sondern auch erfolgreicher

Geschäftsmann und Investor. Was treibt Sie an, immer wieder etwas Neues zu versuchen?


Joko Winterscheidt: Wahrscheinlich die Angst etwas zu verpassen, wenn ich ehrlich bin. Abends beim Ausgehen mit Freunden, bin ich immer die treibende Kraft noch einen Laden weiterzuziehen, weil es ja sein könnte, dass ich etwas verpasse, in dem anderen Laden. Genauso ist es bei meinen Unternehmungen.

Die meisten haben mich begeistert und weil ich einmal begeistert war, wollte ich dann nicht loslassen und habe es durchgezogen. Ich liebe es, mich in Ideen reinzusteigern und daran zu glauben, wie sie die Welt verändern.


Die Range reicht ja von Schokolade, Weinen über Socken bis hin zur Produktion von TV-Inhalten. Wie passt da noch eine E-Bike-Marke zwischen die Kiemen?


Muss immer alles passen? Da bin ich anderer Meinung. Gerade weil es anders ist, ist es gut. Klar könnte ich auch sagen, ich mache einen Laden auf, in dem es nur ein Produkt gibt, aber ein Laden, in dem es viele verschiedene Dinge gibt, der interessiert mich mehr.


Auf dem Markt gibt es unzählige Anbieter und für Highend-Modelle werden gerne schon mal mehrere tausend Euro fällig. Aber auch die allermeisten Einstiegsmodelle sind teurer, als die Sushis. Wie können die Dinger so günstig sein?


Ganz einfach. Gutes Sourcing. Wir haben keine großen Markennamen, bei denen wir Marketing und Image mitbezahlen. Aber wir haben Produzenten, die in absolut vergleichbarer Qualität produzieren und günstiger sind. Wir haben jetzt auch nicht das coolste und größte Display der Welt, aber unser Display

hat alle Funktionen, die es braucht und das reicht aus.



Jetzt ohne allzu neugierig zu sein: Rechnet sich das wirklich? Oder anders gefragt: Warum verlangen Konkurrenten teilweise deutlich mehr für vergleichbare Produkte?


Es rechnet sich, wenn auch knapp – aber es rechnet sich. Vielleicht könnten wir sogar mehr verlangen und hätten dann eine bessere Marge und wir würden uns an besseren Zahlen erfreuen. Aber unsere Mission ist ja nicht Gewinnmaximierung, sondern wir wollen bewusst günstig sein, um den Leuten den Umstieg vom Auto aufs Rad so leicht wie möglich zu machen. Denn wenn mehr Menschen mit dem Rad anstatt mit dem Auto unterwegs sind, ist das gut für uns alle.


Für die Stadt und die Speckgürtel der Republik ist das Sushi ideal. Doch wie komme ich im hügeligen Umland von Bayern mit dem ganglosen Sushi zurecht? Plant das Unternehmen mittel- und langfristig auch eine Ausweitung des Line-Ups auf Modelle, die sich eher zum Klettern eignen?


Wir haben schon öfter darüber diskutiert, aber im Moment liegt der Fokus auf unseren Makis und Californias. Dazu muss man wissen, wir sind nicht VC funded, sondern wachsen organisch. Solche Entwicklungen im Produktportfolio

sind sehr kostenintensiv und wir glauben, dass Fokussierung für den Moment die bessere Strategie ist.



Sie engagieren sich öffentlich sehr für den Klimaschutz, haben sich im Zuge der Bewegung Fridays for Future unter anderem sehr offen über Ihre Selbsterkenntnis in Sachen CO2-Fußabdruck gezeigt. Manche Kritiker werfen Ihnen vor, dass der Zeitpunkt des Sushi-Starts und Ihr Klima-Engagement nicht zufällig zeitlich beisammen liegen. Was entgegnen Sie diesen Behauptungen?


Wenn ich seitdem tatenlos in Bezug auf unser Klima gewesen wäre, dann würde ich sagen, guter Punkt. Aber ich muss mich nicht in den Wind stellen, um für ein Produkt Werbung zu machen. Dann mache ich lieber nur Werbung, das lässt sich besser aussteuern und ist effektiver. Niemand wird ein SUSHI BIKE kaufen, weil ich in meiner Freizeit bei Fridays for Future mitlaufe, da bin ich mir sicher. Die Bequemlichkeit eine solche Auslegung der Situation zu finden, ist generell ein Problem unserer Gesellschaft.



Wie stehen Sie eigentlich zur Elektromobilität im Allgemeinen? Hat diese das Zeug dazu, den Klimawandel positiv zu beeinflussen? Bei dem Thema gehen ja die Meinungen weit auseinander.


Wir stehen hier am Anfang einer Technologie, die sicherlich noch nicht ausgereift, aber ein Baustein der Lösung sein kann. Alle regen sich über die Reichweite auf. Dabei bekomme ich jetzt schon Autos mit 600 Kilometer und mehr Reichweite. Wie oft fahren die meisten solch lange Strecken!? Es ist immer leichter mit dem Finger auf ein Problem zu zeigen, als mit dem Finger auf sich – und ein Teil der Lösung zu sein.


Machen Sie sich angesichts der teils düsteren Prognosen, die die Klimaforscher und Umweltschutzorganisationen dem Weltklima stellen, Sorgen um die Zukunft? Auch gerade für kommende Generationen.


Ich würde sogar noch weiter gehen, wir sollten keine Sorge haben. Sorge hat man meist, wenn man noch an ein gutes Ende glaubt. Ich sage, wir sollten Angst haben, denn es sieht (auf gut Deutsch) beschissen für uns aus. Die Bequemlichkeit, mit der die Wirtschaft und Politik handelt, fühlt sich so an, als wenn wir das Problem der Klimakrise gerade zum ersten Mal gehört haben und jetzt langsam umschwenken müssen. Wir wissen aber seit über 40 Jahren von diesem Problem und haben einfach nichts getan. Das heißt, wenn wir jetzt nicht alles radikal ändern, dann war es das mit einem Leben, das wir kennen. Es ist ein wenig wie mit dem Beachbody. Wenn man nicht anfängt, kommt er nicht – und es ist viel Arbeit einen zu bekommen. Wenn wir der Erde also einen Beachbody für diesen Sommer verpassen wollen, sollten wir jetzt langsam mal anfangen zu trainieren.


Vielen Dank für Ihre Zeit.


Sehr gerne!