• Armin Grasmuck

Der Audi e-tron GT im ELECTRICAR Drive-Test

Dieser Wagen sorgt für Vibrationen, selbst wenn er steht. Fototermin am frühen Sonntagmorgen auf dem Gelände der olympischen Ruderregatta in Oberschleißheim bei München. Wolkenlos, idyllische Ruhe, nur ein paar zwitschernde Vögel und der Audi e-tron GT, der strahlt. Es ist beeindruckend und bemerkenswert, welche Emotionen ein Auto wie dieses in den Augen seiner Betrachter entfacht. Jeder, wirklich jeder der zahlreichen Spaziergänger und frühen Sonntagmorgenjogger, riskiert einen kurzen bis leidenschaftlichen Blick auf diesen Sportwagen mit dem E für elektrisch auf dem Kennzeichen. Da gibt es zustimmendes Nicken, den anerkennenden Pfiff. Der austrainiert wirkende Läufer bedauert gar, warum auch immer, dass dieses Auto kein Modell aus dem Haus der in der Landeshauptstadt ansässigen Konkurrenz sei.

Ein Ehepaar im Rentenalter bleibt stehen und möchte es etwas genauer wissen. Was ist das für einer? Was kostet er? Und vor allem: Wie steht es um die Reichweite? Das Thema E-Mobilität haben sie auf der Agenda. Sie haben sich mit dem Thema Wallbox bereits befasst, die Stromtarife mit den Spritpreisen verglichen. Ein Elektroauto? In zwei, drei Jahren vielleicht. Ihr Diesel sei sieben Jahre alt und gut in Schuss. Dann streift der Blick des Mannes noch einmal sanft über den Audi: „Schön ist er schon“, sagt er, dann spazieren sie weiter. Wir setzen uns ins Auto und fahren in Schrittgeschwindigkeit fast lautlos zurück auf die Bundesstraße. Die Aktiven aus dem Ruderverein verdrehen sich noch einmal die Köpfe nach diesem Boliden, dann treten wir nur leicht das Gaspedal und – wumm! – drückt es uns in die Sitze ...



Pure Kraft in jeder Ritze


Der Audi e-tron GT ist ein in jeder Hinsicht außergewöhnliches Elektrofahrzeug. Atemberaubend anzusehen, außen wie innen, massiv im Auftritt und selbstverständlich preisintensiv. Er wird auf der gleichen Plattform gebaut wie der Konzernbruder Taycan, das Erfolgsmodell aus dem Hause Porsche. Und er punktet mit den gleichen Kernelementen. Pure Kraft in jeder Ritze und reichlich Komfort.

Wir fahren auf die Autobahn, viel mehr: Wir gleiten. Der e-tron GT scheint sanft zu knurren. Oder ist es ein Fauchen? Wir gehen auf die linke Spur, hören nur das Pfeifen des Winds, laut und immer lauter, die Landschaft fliegt an uns vorbei. 160, 180, brutal und surreal, der vollelektrische Supersportler schiebt auch jenseits der Schallmauer von 200 Stundenkilometern noch kräftig an. Er liegt ruhig auf der Fahrbahn, knapp unter 250 muss er nachgeben – über das Bordsystem abgeregelt. 350 Kilowatt, rund 476 PS, leisten die zwei Elektromotoren, einer vorne und der andere hinten. Mit einem speziellen Boost für kurze Zeit sogar 390 Kilowatt/540 PS bei dem maximalen Drehmoment von satten 640 Newtonmetern.

Für ein batteriegetriebenes Auto sind dies eindrucksvolle Werte, die im alltäglichen Verkehr jedoch eher selten gefragt sind. Es versteht sich von selbst, dass die Akkus im Hochleistungsbetrieb höchst schnell an Saft und Kraft verlieren. Stichwort Reichweite.

Mindestens genauso wie die Vollgasvariante beeindruckt uns der Efficiency-Modus, der sich per Knopfdruck einstellen lässt. Die Höchstgeschwindigkeit wird hier automatisch auf 140 begrenzt, der Tritt aufs Gas fast überflüssig. Unser Testwagen ist mit sämtlichen adaptiven Assistenzsystemen ausgestattet. Er erkennt die Kennzeichen entlang der Fahrbahn und passt von selbst die Geschwindigkeit an, er bremst, wenn es sein muss, und schließt danach wieder zum vorausfahrenden Fahrzeug auf. Es wirkt wie die ultimative Vorstufe zum vollautonomen Verkehr. Der e-tron GT im Eco-Modus hat eine entspannende Note, speziell auf den Streckenabschnitten, die geschwindigkeitstechnisch ohnehin stark reglementiert sind. Als wir die Grenze in Richtung Linz passieren, wird die Reise zum Wohlfühlereignis bei nahezu konstanten 130 Kilometern pro Stunde. Der Audi fährt, er gibt nach, er beschleunigt, er hält die Spur – und wir kontrollieren, ob er es konsequent und zuverlässig macht. Macht er!



Aufgeladen im Schnellverfahren


Es fällt auf, wie stark sich die Reichweite verbessert, wenn der e-tron GT im ökonomischeren Bereich gefahren wird. Die vom Hersteller angegeben 475 Kilometer nach WLTP-Standard scheinen in jeder Hinsicht utopisch, doch gut 300 Kilometer erreichen wir im Eco-Modus nachweislich. Den durchschnittlichen Stromverbrauch von 26,3 Kilowattstunden haben die Experten im ADAC-Ecotest ermittelt, in einer aus Stadt- und Überlandrouten gemischten Testfahrt erreichten sie sogar die Reichweite von stolzen 370 Kilometern.

Wie vieles im Leben, sind diese Werte relativ. Gemessen an der Geschwindigkeit, mit der die Batterien des Sportwagens aufgeladen werden können, sind sie sogar relativ gut. Während unserer Ladestopps in Eching bei München, im oberbayerischen Neuötting und in Sankt Valentin/Niederösterreich erreichen wir zumindest zwischenzeitlich Ladegeschwindigkeiten von bis zu 240 Kilowatt, nach nur sieben Minuten haben wir 100 weitere Kilometer in unseren Audi fließen lassen, nach einer halben Stunden sind die Akkus zu 80 Prozent geladen. Es reicht für einen Imbiss und die obligatorische Tasse Kaffee. Da kriegt der Boxenstopp auch außerhalb des Autos den regenerierenden Faktor.


Reiserouten, gut kalkuliert


Selbstverständlich hält der e-tron GT auch im Innenraum, was er von außen verspricht. Die Vordersitze sind bei allen Attributen der Sportlichkeit auch komfortabel, der Kopf und die Beine haben genügend Spielraum. Klar, wir sitzen relativ knapp über der Asphaltdecke – wie es sich für Fahrer dieser Wagenklasse eben gehört. Und ja, die Sitze im Fond sind allein aufgrund des aerodynamischen Karosserieschnitts mit der stark heruntergezogenen Dachlinie räumlich begrenzt. Fahrgäste, die größer als 1,80 Meter sind, bekommen es schnell zu spüren.


Das Cockpit ist bei aller technischer Innovation im beliebten und bewährten Audi-Ambiente gehalten. Die beiden digitalen Displays sind klar und übersichtlich. Das zentrale Touchpad in der Mitte des Cockpits bietet jede Finesse, die das Elektroautofahren bequem und effizient macht. Der digitale Routenberechner plant unsere Touren professionell. Er kalkuliert die Ladestopps mit ein, führt uns gezielt zu leistungsstarken Ladesäulen – und er korrigiert seine Pläne, wenn das Laden aufgrund unserer Fahrweise entscheidend früher oder später zu erfolgen hat. Es ist ein beruhigendes Argument für die notorischen Zweifler, die selbst im mitteleuropäischen Raum des Jahres 2022 befürchten, mittelfristig fast zwangsläufig einmal mit leeren Batterien am Straßenrand darben zu müssen. Doch auch schnittige Fahrzeuglenker, die den e-tron GT gerne fordern und entsprechend öfter nachzuladen haben, wissen diesen zuverlässigen Service zu schätzen.



Mit souveräner Leichtigkeit


Entscheidender Faktor: Um schnell Strom tanken zu können, muss der Akku vorkonditioniert werden. Am liebsten lädt er bei einer Temperatur von 30 bis 35 Grad, auf die er je nach Fahrweise aufgeheizt oder heruntergekühlt werden muss. Es liegt folglich an dem Fahrer, seine Route im besten Fall vom Navigationssystem planen zu lassen – oder selbst ausgewählte Ladestopps frühzeitig manuell einzugeben. Die Faustregel besagt: 20 bis 25 Minuten vor dem geplanten Halt. Wer darauf verzichtet, muss sich auf längere Ladezeiten einstellen.


Der Audi e-tron GT bietet selbstverständlich bereits in seinem Grundmodell, das mit 99.800 Euro in der Preisliste steht, ein Höchstmaß an Technik, Komfort und Sicherheit. Unser Testfahrzeug ist unter anderem mit Assistenzsystemen, Sportsitzen, schicken Leichtmetallrädern und dem Premier-Sound-System des Edelproduzenten Bang & Olufsen aufgetrimmt. Das macht noch einmal 30.000 Euro extra. Spätestens hier gilt es noch einmal grundsätzlich festzuhalten: Die Zielgruppe für diesen Wagen aus dem Luxussegment ist naturgemäß sehr spitz.

Dieser vollelektrische Hochleistungssportler ist das Auto für aktive Anführer, die ihn sich leisten können. Ein Starkstromer für Chefs, die Drive und Dynamik als Kernelemente in ihrem Portfolio präsentieren. Natürlich kann der e-tron auch das ideale Fahrzeug für den Fuhrparkleiter sein, der das Thema Elektromobilität schnell und effizient umgesetzt hat, oder den außergewöhnlich erfolgreichen Kollegen aus dem Vertrieb.


Wer bereit ist, die Leasing-Raten zu investieren und möglichst leistungsstarke Ladestationen auf dem Firmengelände zu installieren, darf sich auf dem Weg in die Mobilität von morgen über ein Auto der Extraklasse freuen. Der Audi e-tron GT punktet als attraktiver Spaßbringer mit allen Komponenten, die das Fahren eines akkubetriebenen Wagens mit sich bringt. Es ist selbst im alltäglichen Gebrauch immer wieder ein Ereignis zu erleben, mit welch souveräner Leichtigkeit dieses Auto bei aller Kraft und Dynamik über die Straße gleitet. Kein Ruckeln, kein Zuckeln, den starken Dämpfern sei Dank. Die langen Kurven auf der Landstraße nimmt dieser Audi so, wie es sich gehört: flott, komfortabel und zuverlässig mitgesteuert von den digitalen Assistenten, die für die richtige Balance sorgen.


Fahren und fahren lassen


Wichtig ist es in diesem Zusammenhang zu erwähnen: Achtung, dieses Auto fährt mitunter schneller, als es der Fahrer wahrnimmt! In der Zone 30 lenkt es sich wie in Zeitlupe, das Limit im Großstadtverkehr fühlt sich wie eine Strafe an – und auch freie Fahrt auf der Landstraße wirkt manchmal wie die reine Provokation. Mehr als hundert Sachen sind hier einfach verboten. Es hilft und entspannt nachhaltig, die technischen Hilfselemente zu aktivieren. Fahren und fahren lassen. Einfach zurücklehnen, Augen auf die Fahrbahn, das Lenkrad fest im Griff. Dieses Auto ist auch im sanften Dahingleiten eine Klasse für sich.


​Hersteller

Audi

​Modell

e-Tron GT

Antriebsart

Elektro

Leistung

350 kW / 476 PS

Maße / Gewicht

​4.989 x 1.964 x 1.413 mm / 2.350 kg

Antriebsachse

Allrad

Anzahl der Türen

5

Kofferraumvolumen

405 - 710 l

Reichweite

475 km

0-100 km/h

4,1 Sekunden

Spitze

245 km/h

Preis

ab 99.800 €