Reichweitenplus und Fahrerassistenz: So intelligent werden E-Autos
- Philipp Lumetsberger

- vor 5 Stunden
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Die Automobilbranche befindet sich mitten in einer Phase tiefgreifender technologischer Umbrüche. Während die Elektromobilität zunehmend den Massenmarkt erreicht, treiben Hersteller und Zulieferer parallel Innovationen voran, die Reichweite, Sicherheit, Automatisierung und die Einbindung von Fahrzeugen ins Energiesystem neu definieren. Batterietechnologien, Assistenzsysteme und Software rücken ebenso in den Fokus wie rechtliche Rahmenbedingungen und neue Mobilitätskonzepte. Die kommenden Jahre versprechen daher effizientere Fahrzeuge und einen grundlegenden Wandel in der Art, wie Autos genutzt, geladen und gesteuert werden. Ein Blick auf zentrale Entwicklungen zeigt, wie dynamisch sich das automobile Ökosystem derzeit verändert.

Faktor Feststoffbatterie
Reichweiten von mehr als 1000 Kilometern galten bei Elektroautos lange als ferne Vision. Mit der Entwicklung von Feststoffbatterien rückt dieses Ziel jedoch in greifbare Nähe. Anders als herkömmliche Lithium-Ionen-Akkus verzichten Feststoffzellen auf flüssige Elektrolyte und setzen stattdessen auf feste Materialien. Das soll höhere Energiedichten ermöglichen und die Sicherheit erhöhen sowie Ladezeiten drastisch verkürzen. Entsprechend groß sind die Erwartungen, die nahezu alle großen Automobilhersteller mit dieser Technologie verbinden.
So konnte Mercedes-Benz etwa dank der Kooperation mit dem US-Unternehmen Factorial Energy bereits konkrete Ergebnisse erzielen. In einer elektrischen S-Klasse EQS erzielte ein Feststoffakku Testreichweiten von mehr als 1200 Kilometern mit nur einer Ladung. Trotz dieser beeindruckenden Werte bleibt der Weg zur Serienreife jedoch anspruchsvoll. Die komplexe Fertigung sowie offene Fragen zur Langzeitstabilität und Alltagstauglichkeit verzögern den Markteinsatz. Mercedes rechnet derzeit frühestens ab 2030 mit einer Serienreife.
Auch Toyota treibt die Entwicklung intensiv voran und plant, ab 2027 erste Fahrzeuge mit Feststoffbatterien auf den Markt zu bringen. In Aussicht gestellt werden Reichweiten von bis zu 1200 Kilometern und Ladezeiten von nur zehn Minuten. Parallel dazu arbeiten weitere Hersteller an ähnlichen Konzepten. Stellantis kooperiert ebenfalls mit Factorial Energy und entwickelt Zellen mit einer Energiedichte von 375 Wattstunden (Wh) pro Kilogramm, die auch unter extremen Temperaturen zuverlässig funktionieren sollen. Noch in diesem Jahr soll eine Flotte von Testfahrzeugen den Betrieb aufnehmen, um diese Technik unter realen Bedingungen zu erproben.

Klassische Akkus weiterentwickelt
Besonders ambitioniert fallen die Ankündigungen aus China aus. Huawei hat ein Patent für sulfidbasierte Feststoffbatterien angemeldet, die theoretisch Reichweiten von bis zu 3000 Kilometern und Ladezeiten von fünf Minuten ermöglichen sollen. Auch der Automobilhersteller Chery kündigt Feststoffakkus mit 1300 Kilometern Reichweite und der Energiedichte von 600 Wh pro Kilogramm an, der Serieneinsatz von 2027 an geplant. Nissan wiederum nahm 2025 eine Pilot-Produktionslinie in Betrieb und will bis 2028 Fahrzeuge mit selbst entwickelten Feststoffbatterien auf den Markt bringen.
Während diese neue Technologie noch einige Zeit benötigt, wird parallel an der
Optimierung der bestehenden Technologien gearbeitet. Der chinesische Batteriehersteller CATL hat mit der Shenxing Pro Plattform eine neue Lithium-Eisenphosphat-Batterie vorgestellt. Verbesserte Ladezeiten und größere Reichweiten sollen die LFP-Zellen weiterhin konkurrenzfähig halten, insbesondere durch ihre bewährte Robustheit und die vergleichsweise niedrigen Kosten.
Besondere Aufmerksamkeit erregt dabei die Variante „Super Long Life“. CATL verspricht für diese Hochvoltbatterie eine Garantie von zwölf Jahren oder einer Million Kilometer Laufleistung, bevor die Kapazität unter 70 Prozent des ursprünglichen Werts sinkt. Damit würde sich die Haltbarkeit der Akkus deutlich erhöhen. Zum Vergleich: Aktuell liegen die Garantiespannen renommierter Hersteller bei acht Jahren oder 160.000 Kilometern.

Neue EU-Sicherheitsvorgaben
Parallel zur Batterietechnik verschärft die Europäische Union ihre Sicherheitsanforderungen für Neuwagen. Mit der Stufe C der EU-Verordnung Nr. 2019/2144 sind ab dem 7. Juli 2026 zusätzliche Assistenzsysteme verpflichtend vorgesehen. Wie bei früheren Auflagen gelten die Neuerungen zunächst für neu entwickelte Fahrzeugtypen und zwei Jahre später für alle neu zugelassenen Wagen.
Zu den wichtigsten Neuerungen zählt das weiterentwickelte Notbremsassistenzsystem, das künftig Fußgänger und Radfahrer noch zuverlässiger erkennen und Kollisionen aktiv verhindern oder abmildern soll. Ergänzt wird dies durch ein System zur Erkennung von Fahrerablenkung, das bei nachlassender Konzentration warnt – und den Fahrer zudem aktiv zu Pausen auffordert. Auch der passive Fußgängerschutz wird ausgeweitet: Fahrzeuge müssen künftig einen vergrößerten Kopfaufprallschutzbereich bieten, um die Gefahr von schweren Verletzungen bei Unfällen zu reduzieren.

Bereits seit Anfang 2026 ist zudem für neue Fahrzeugtypen das Next-Generation-eCall-System Pflicht. Ab 2027 dürfen keine Neuwagen mehr ohne diese Technik zugelassen werden. Das Notrufsystem nutzt moderne Mobilfunkstandards wie 4G und 5G und übermittelt im Notfall deutlich mehr Informationen als das bisherige System, was die Arbeit der Rettungskräfte wesentlich erleichtern soll.
Autonomes Fahren, nächste Stufe
Neben den Sicherheits- und technologischen Aspekten rückt die Automatisierung des Fahrens zunehmend in den Mittelpunkt. Der Automobilkonzern Stellantis und die europäische Mobilitätsplattform Bolt haben vereinbart, gemeinsam autonome Fahrzeuge auf Level 4 für den kommerziellen Einsatz zu entwickeln. Erste Testfahrzeuge sollen noch in diesem Jahr in Europa unterwegs sein, die Produktion soll ab 2029 anlaufen. Grundlage bildet hierbei die AV-Ready-Plattform von Stellantis, die speziell für den vollautonomen Betrieb ausgelegt ist.
Darüber hinaus plant Waymo den Einstieg in den europäischen Markt. 2026 soll der fahrerlose Mobilitätsdienst in London starten und den bestehenden öffentlichen Verkehr ergänzen. In Zusammenarbeit mit lokalen Behörden und Partnern bereitet das Unternehmen bereits die notwendigen Genehmigungen vor. Parallel dazu entwickeln Volkswagen und Bosch eine eigene KI-basierte Softwareplattform für Assistenz- und Autopilotfunktionen. Diese soll bereits Mitte 2026 serienreif sein und ab 2027 im Rahmen der neuen Fahrzeugarchitektur des VW-Konzerns eingesetzt werden. Doch die Rolle des Elektroautos endet nicht bei Assistenz- und Autopilotfunktionen, sondern erweitert sich zunehmend und intensiv auf den Energiesektor.

Rahmen für bidirektionales Laden
Eng verknüpft mit der Elektromobilität ist zudem das bidirektionale Laden (siehe auch ab Seite 86). Dabei können Fahrzeugakkus keineswegs nur Strom aufnehmen, sondern auch wieder abgeben – etwa zur Versorgung des Haushalts oder zur Stabilisierung des öffentlichen Stromnetzes. Technisch ist dies bereits möglich, erfordert jedoch die geeigneten Wallboxen, Wechselrichter und ein intelligentes Energiemanagement.
Seit diesem Januar schafft ein neues Gesetz in Deutschland rechtliche Klarheit: Strom, der aus Batterien von Elektroautos ins Netz zurückgespeist wird, ist von Netzentgelten befreit, und bei Nutzung einer eigenen Photovoltaikanlage entfällt die doppelte Stromsteuer. Die Akkus der E-Autos sind damit aus rechtlicher Sicht herkömmlichen, stationären Stromspeichern gleichgestellt. Damit werden Fahrzeuge zu aktiven Bestandteilen des Energiesystems und nicht mehr nur mobile Verbraucher. Auch dies ist ein entscheidender Faktor der großen Transformation.



