Stefan Mecha, Vorstandschef von VW Nutzfahrzeuge, im Interview: So entwickelt sich die Elektromobilität bei Kleinbussen und Transportern
- Henning Krogh
- vor 10 Stunden
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Mehr als 21.000 Beschäftigte, weltweit 428.000 abgesetzte Einheiten im Geschäftsjahr 2025 und ein Umsatz von 16,9 Milliarden Euro: Volkswagen Nutzfahrzeuge (VWN) ist eine große Nummer im Wolfsburger VW-Konzern. Zum exklusiven Interview mit electricar kommt Stefan Mecha, CEO des international als VW Commercial Vehicles bekannten Herstellers mit Hauptsitz in Hannover, eigens nach Hamburg. Der 56-Jährige ist unweit der Hansestadt aufgewachsen, schaut dort gern Fußball – und schätzt die Vielfalt der Sehenswürdigkeiten, vor denen bunte Bilder entstehen sollen, die zu seinem facettenreichen Arbeitsfeld passen.
Sie sitzen seit Juli 2025 dem Markenvorstand von Volkswagen Nutzfahrzeuge vor. Welche Highlights seither gelten Ihnen als besonders wichtig?
Stefan Mecha: Für mich war es sozusagen ein Heimspiel, denn zu Volkswagen Nutzfahrzeuge bin ich ja zurückgekommen. 2005 war ich Regionalleiter im Export, das war meine erste Runde bei VWN, und die habe ich schon in sehr guter Erinnerung behalten. Die Marke ist einfach herausragend. Und du spürst sofort, wenn du reinkommst in das Geschäft, dass das eine große Verantwortung ist, diese superstarke Marke auch in die Zukunft zu führen. Meine Kolleginnen und Kollegen haben diesen Stolz, Bulli-Bauer zu sein. Das ist der kulturelle Kitt. Wir haben unglaublich tolle Produkte für die unterschiedlichsten Anwendungen – von einem Crafter-Nutzfahrzeug als Drei-Seiten-Kipper bis hin zum Camper-Van. Das leben wir auch entsprechend: Mit dem gesamten Vorstand haben wir in Sankt Peter-Ording den Surf-Weltcup begleitet – und haben natürlich im Grand California übernachtet. Die gesamte Mannschaft hat also Leidenschaft, sie brennt für VWN.

Mit ID. Buzz und ID. Buzz Cargo sowie E-Caravelle und E-Transporter als Kastenwagen und Kombi hat VWN fünf rein elektrische Fahrzeuge im Programm. Ist die Modellpalette damit schon breit genug aufgestellt?
Für die Zukunft natürlich nicht, weil wir wissen, dass sich jenseits der Dreißigerjahre, gerade in Europa, das Verbrennergeschäft deutlich reduzieren wird. Die Rahmendaten zielen einfach ganz klar auf Elektrofahrzeuge. Das bedeutet, dass wir zum Beispiel im Caddy-Segment oder auch in unserer Baureihe Crafter auf jeden Fall auch ein Elektromodell brauchen. Daran arbeiten wir. Es ist unser Antrieb, immer wieder in das Konzernregal zu schauen und sich zu fragen: Was können wir nutzen, um unsere Gesamtflotte zu elektrifizieren? Das muss weitergehen.
Mit „Antriebskraft der zwei Herzen“ wiederum sind von VWN der Caddy E-Hybrid und dessen Cargo-Pendant sowie der Multivan E-Hybrid und der California E-Hybrid zu haben. Der Mutterkonzern VW schärft seine Hybridstrategie nach – was bedeutet das für die Pläne von VWN?
Wir sind in der sehr guten Lage, dass die Marke frühzeitig entschieden hat, beide Antriebsarten im E-Hybrid zu vereinen. Das hilft unseren Kunden sehr. Gerade bei den aktuell hohen Kraftstoffpreisen kann man den gesamten Regionalverkehr elektrisch abdecken. VWN hilft es ebenso bei der Erreichung der CO₂-Ziele. Bei den Plug-in-Hybriden sind wir also sehr gut aufgestellt.

Die Markengruppe Core soll unter anderem das Heben von Synergien fördern. Welche konkrete Kooperation von VW Pkw und VWN sowie Seat/Cupra und Skoda finden Sie vielversprechend, welche Varianten sind noch denkbar?
Es gibt so viele Projekte, die wir gemeinsam machen. Etwa Synergien im Konzern bei den Plattformen. Wir nutzen zum Beispiel den MQB für unseren Multivan und den MEB für den ID. Buzz. Das sind zwei Plattformen, die von Volkswagen Pkw entwickelt wurden. Hinzu kommen entsprechende VWN-spezifische Features, Hardware und Software. Diese gemeinsame Basis und die damit verbundene Skalierung hilft allen in der Brand Group Core, um Kosten zu sparen. Der nächste Level ist die New Urban Family von Cupra, VW Pkw und Skoda. Die Autos entstehen im Schulterschluss. Solche Synergien sind extrem wichtig, denn unnötige parallele Entwicklungen dürfen wir uns nicht leisten. Im Managementteam mit Thomas Schäfer, Klaus Zellmer, Markus Haupt und mir besprechen wir regelmäßig, wo wir als Brand Group Core noch stärker wirken können und legen eine gemeinsame Richtung fest. Das wird sich noch sehr stark weiterentwickeln, und das ist richtig gut.
Gibt es weiße Flecken auf der Landkarte von VWN, die Sie demnächst schließen wollen? Und wo – geographisch – will VWN sein bereits etabliertes Geschäft möglichst zügig ausbauen?
Schon lange vor meiner Zeit als CEO bestand dieser große Wunsch, die Nutzfahrzeugidee zurückzubringen in die USA und nach Kanada. Nordamerika ist ein riesengroßer Markt auch für das Nutzfahrzeuggeschäft. Wir haben mit dem ID. Buzz den Fuß in den Markt gesetzt. Das Auto kommt gut an. Man fährt mit dem Auto die Straße entlang und die Leute sind wie verzaubert. Alle haben diesen Flashback zu T1 und T2, zur Hippie-Bewegung. Die Marke hat eine starke Geschichte. In Mexiko und Lateinamerika sind wir kontinuierlich vertreten. Die Hauptstoßrichtung in Nordamerika zielt also auf die USA und Kanada. Daneben gibt es viele Märkte, die extrem gewachsen sind in den letzten Jahren, zum Beispiel Usbekistan. Auch da haben wir schon mal ein paar Nutzfahrzeuge verkauft, doch besteht ein Wahnsinnspotenzial. Es gibt viele Märkte, die für uns noch wirkliche White Spots sind.

Ob China, Südafrika, Brasilien oder auch Russland – Sie waren in geschäftlich überaus bedeutsamen Ländern für den VW-Konzern aktiv. Inwiefern prägt diese internationale Erfahrung Ihren Blick auf die VWN-Aktivitäten im Heimatmarkt Deutschland?
Die vielen Blickwinkel, auch in kultureller Hinsicht, haben meine Persönlichkeit extrem geprägt und auch meinen Managementstil. Dafür bin ich dem Unternehmen dankbar. Ich folge der Idee, ein bisschen mehr Leichtigkeit zu haben, andere Freiheitsgrade im jeweiligen Markt einzubringen, und das auch in die Zentrale zu übertragen, um schnelle Entscheidungen zu treffen. Ich war die letzten drei Jahre in China, deren Innovationskraft ist unglaublich. Es ist extrem wichtig, dass wir auch davon lernen. Internationalität ist für uns als Volkswagen Nutzfahrzeuge überlebensnotwendig. Wir sind heute sehr europazentriert, weil es unsere Homebase ist. Wir denken und agieren international. Aber ich glaube, wir haben noch große Marktchancen, wenn wir auch in andere Märkte expandieren, wie das Beispiel des ID. Buzz zeigt. Den gibt es jetzt auf allen Kontinenten, und wir haben erstmals mehr als 60.000 Fahrzeuge im letzten Jahr verkauft.
„Militär“ und „demographischer Wandel“ sind signifikante Schlagworte in der gesellschaftlichen Debatte. Zieht es Sie mit VWN aus aktuellen Anlässen verstärkt in das Rüstungsgeschäft? Und welche Perspektiven als Kunden für VWN bieten etwa die boomenden Pflegedienste für ältere Menschen?
Autos für Pflegedienste, Ambulanzumbauten, Transportfahrzeuge für Menschen mit körperlichen Einschränkungen zählen zu unserer DNA. Das bleibt ein Wachstumsmarkt für die Zukunft. Auch im Verteidigungsbereich werden unsere Fahrzeuge einfach gebraucht. Da gibt es zum Beispiel handelsübliche Fahrzeuge, wie sie auch der Fuhrparkservice der Bundeswehr einkauft. Es gibt handelsübliche Fahrzeuge mit militärischem Nutzungspotenzial, die oft geländegängig sind und Tarnfleckenfarben tragen. Da arbeiten wir zusammen mit Aufbauherstellern, um dieses Geschäftsfeld zu entwickeln. Wir bleiben bei unserer Kernkompetenz: wir entwickeln ausschließlich Fahrzeuge.

Autonomes Fahren ist ein potenzielles Wachstumsgeschäft. Moia gilt vielen Beobachtern als Rohdiamant, der noch nicht seinen vollen Glanz entwickelt hat. Was ist zu tun?
Mit Moia hat der Konzern in der Tat einen Diamanten in der Hand. Das Ride-Pooling-Geschäft hat Moia vor zehn Jahren in Deutschland aus der Taufe gehoben und in Hamburg mit unserem Pluto, einem umgebauten E-Crafter, weiterentwickelt. Das ist eine tolle Startaufstellung, um in die autonome Zukunft zu führen. Wir haben die einzigartige Chance, das Unternehmen ganz konsequent als Tech-Unternehmen zu positionieren. Und das machen wir mit Moia und vollautonomem Level 4-Fahren. Moia ist der einzige europäische Anbieter, der eine Kombinatorik namens Turnkey Solution hat: Dazu gehören der vollautonom fahrende ID. Buzz sowie die gesamte Bandbreite von Betriebssteuerung und Fleet Management. Das Team macht da echt einen herausragenden Job.
Das Stammwerk Stöcken feiert sein 70-jähriges Bestehen. Was steht ganz oben auf Ihrer Management-Agenda, damit es auch im nächsten Jahr und 2031 – dann rund um 75 Jahre VWN – gute Gründe zur Freude gibt? Zentrales Stichwort: Beschäftigungssicherung.
Klar, Beschäftigungssicherung treibt die Mannschaft und uns als Vorstand gleichermaßen um. Der Standort Hannover ist integraler Bestandteil der Nutzfahrzeugfamilie und ergänzt sich gut mit den Werken in Poznan und Wrzesnia. Für Hannover, wo wir den Multivan und den ID. Buzz bauen, müssen wir sicherstellen, dass die Elektromobilität noch stärker greift. Nur dann können wir mit unserem Produktportfolio wachsen. Wir möchten mehr und mehr Kunden davon überzeugen, dass Elektromobile die Fortbewegungsmittel der Zukunft sind. In einer sehr frühen Phase arbeiten wir bereits intensiv an der nächsten Fahrzeuggeneration, die wir auch in Hannover bauen wollen – das ist unser Projekt „Space“.

Vor VW standen Sie in Diensten von Daimler, dem Weltmarktführer im Segment der Nutzfahrzeuge, und Großflottenbetreiber Sixt. Haben Sie je ein, zwei Beispiele für persönlichen Know-how-Transfer als Führungskraft aus diesen Tagen für die Leser von electricar?
(lacht). Mein Know-how-Transfer setzte schon vorher ein. Nach der Schule bin ich zwei Jahre zur Bundeswehr gegangen und habe beim Heer eine Offiziersausbildung gemacht. Mitgenommen habe ich da die Themen Disziplin und Kameradschaft. Später bin ich ins Automobilgeschäft eingetaucht, zunächst bei Sixt, ins damalige Car Mobility Consulting. So kam ich in Kontakt mit den Themen Flottenmanagement und Mobilitätslösungen. In der darauffolgenden Zeit bei Daimler habe ich bei Smart angefangen. Dort herrschte damals eine tolle Aufbruchsstimmung. All diese Erfahrungen helfen mir noch heute im Beruf.


