Stromstoß aus Maranello: Der Elettrica ist das erste Elektromodell von Ferrari
- Beatrice Bohlig
- vor 4 Stunden
- 5 Min. Lesezeit
Große Transformation bei Ferrari: Der traditionsreiche Rennstall arbeitet auf Hochtouren an einem batteriegetriebenen Modell. Erste Eindrücke vom Elettrica exklusiv in electricar.

Der Sportwagenanbieter Ferrari steht vor einem der wichtigsten Modellanläufe seiner 78-jährigen Geschichte. Mit ihrem ersten rein elektrisch angetriebenen Serienfahrzeug wollen die Italiener ab 2026 neue Maßstäbe im Bereich der Hightech-Stromer setzen. Das werksintern mit dem Code „246“ belegte Battery Electric Vehicle (BEV) wurde komplett am Stammsitz des Traditionsunternehmens in Maranello entwickelt und geht dort auch in Produktion.
Exterieur und Innenraum des Elektroautos hält Ferrari noch strikt geheim. Die konkrete Handelsbezeichnung seines Stromers wird der Hersteller luxuriöser Kraftwagen mit so legendären Typnamen wie 288 GTO und Testarossa ebenfalls erst im kommenden Jahr enthüllen. Einstweilen benennt Ferrari das Projekt in der Öffentlichkeit mit dem Arbeitstitel „Elettrica“.
Im Rahmen eines Workshops rund um das komplett neu konzipierte Chassis und Schlüsselkomponenten des Elettrica konnte sich electricar vorab über technologische Finessen informieren. Zudem sprach die Redaktion in der Unternehmenszentrale mit einer Reihe hochrangiger Führungskräfte sowie spezialisierten Ingenieuren. „Ferraris einzigartige Positionierung liegt an der Schnittstelle von Tradition, Technologie und Rennsport“, betonte Ferrari-CEO Benedetto Vigna bei der Veranstaltung im sogenannten E-Building. Der im Vorjahr eröffnete Gebäudekomplex auf dem weitläufigen Firmengelände unweit von Modena beherbergt unter anderem maßgebliche Montagestationen für die Hochvoltbatterien, Elektromotoren und Achsen des Elettrica.

Platz für die Familie
Ferrari hat seinen ersten Vollstromer als Viertürer konzipiert. Als Karosserieform gilt eine coupéartige Anmutung als wahrscheinlich. „Das Auto wird mindestens vier Sitzplätze bieten“, sagte Chief Product Development Officer Gianmaria Fulgenzi mit einem Augenzwinkern. Damit deutete der Produktentwicklungschef die Möglichkeit an, dass etwa kinderreiche Familien den Elettrica wahlweise als Fünfsitzer werden ordern können. Hintergrund: Während Ferraris 2022 vorgestellter V-12-Viertürer Purosangue („Vollblut“) stets nur vier Sitzplätze hat, ist Lamborghinis Wettbewerbsmodell Urus, ein V-8-SUV, optional auch als Fünfsitzer zu ordern.
Das Herzstück eines Ferrari ist dessen Maschine. Gleich deren vier weist der neue Elettrica auf – an seiner vorderen und hinteren E-Achse kommen jeweils zwei Permanentmagnet-Synchronmotoren zum Einsatz. Markentypisch hoch sind die erreichbaren Drehzahlen: „25.500/min hinten und 30.000/min vorn erlauben den Motoren eine Spitzenleistung von 310 beziehungsweise 105 kW“, lässt Ferrari bereits offiziell wissen. Daraus resultieren Leistungen von bis zu 620 kW, umgerechnet 843 PS, an der Hinterachse und 310 kW (422 PS) vorn. Das Zusammenspiel der Drehmomente für die situativ gewünschte Fahrdynamik regelt ein ausgeklügeltes Torque-Vectoring-System. Im Boost-Modus stehen insgesamt 736 kW zur Verfügung, mithin beachtliche gut 1.000 PS.
Atemberaubende Werte stellt Ferrari auch für das volle Ausschöpfen des Beschleunigungspotenzials im Elettrica in Aussicht – und für dessen Spitzentempo bei anhaltend schwerem Stromfuß: Aus dem Stillstand spurtet der E-Ferrari in nur 2,5 Sekunden auf das höchstzulässige deutsche Landstraßentempo von 100 km/h. Über Bundesautobahnen ohne Geschwindigkeitslimit wird der Vollstromer bei Bedarf mit bis zu 310 Stundenkilometern zischen können.

Zellchemie aus Südkorea
Zum Vergleich: Porsches E-Topmodell, der Taycan Turbo GT mit nach dem Sitz der Hausteststrecke benannten Weissach-Paket, ist ob seiner 1.034 Overboost-PS im Modus Launch Control drei Zehntelsekunden schneller auf hundert als der Elettrica, in der Endgeschwindigkeit jedoch fünf Stundenkilometer langsamer. Ferrari wäre nicht Ferrari, wenn vom Elettrica im Laufe der Zeit nicht betont performante Derivate abgeleitet würden. Vielleicht ja mit einem Sportpaket namens Fiorano. In diesem Ortsteil Maranellos hat Ferrari seinen firmeneigenen Rennkurs für Formel-1-Boliden jüngst um eine Prüfstrecke für Serienfahrzeuge erweitert. Auf der neuen „E-Vortex“-Prüfbahn durfte die Autorin gar bereits eine Runde drehen – allerdings als Sozia und per Besucherbus mit einem betulichen Dieselaggregat.
Die Energie für das Elettrica-Motorenquartett speichert eine Lithium-Ionen-Batterie mit 15 Modulen zu je 14 Zellen des südkoreanischen Zulieferers SK On. Die Gesamtkapazität des Akkus mit hochwertiger Nickel-Mangan-Cobalt-Batteriechemie beträgt 122 kWh. Als Reichweite seines künftigen E-Modells mit einer vollen Stromladung gibt Ferrari 530 Kilometer an. Die Maximalspannung des Elettrica sind 880 Volt, und als maximale Ladeleistung stehen 350 kW im Datenblatt.
Das Gros der 210 Batteriezellen hat Ferrari tief im Fahrzeugboden platziert, um einen möglichst niedrigen Schwerpunkt zu erreichen. Der ist besonders wichtig, da der Elettrica mit einem Radstand von 2,96 Metern und seinem Gesamtgewicht von rund 2,3 Tonnen eine Wuchtbrumme wird, die
jedoch eingefleischte Ferraristi auch in engen Kurven keinesfalls enttäuschen darf. „Längsbeschleunigung ist einfach zu beherrschen“, so Ferrari-Lenker Vigno, „erst das Meistern der Dynamik in seitlicher Richtung macht den maßgeblichen Unterschied“.

Beschallung mit Pfiff
Ein überraschendes Differenzierungsmerkmal für „herausragendes Handling“
(Gianmaria Fulgenzi) des Elettrica selbst in steilsten Spitzkehren findet sich an dessen Hinterachse. Dort wird Ferrari erstmals in seiner seit 1947 währenden Flitzerhistorie einen separaten Hilfrahmen verbauen. „Diese ungewöhnliche Konstruktion zahlt auf die enorm hohe Steifigkeit und fulminante Fahrdynamik des Fahrzeugs ein“, wie Ferrari-Ingenieur Federico Cardile am 1:1-Exponat in der Workshop-Station „Rear Subframe and Suspension“ erklärte. Im Gespräch mit electricar ergänzte Cardiles Teamkollege Tomas Pedraza Castro: „Zugleich reduziert unser Hilfsrahmen unerwünschte Vibrationen und Geräusche in der Kabine des Elettrica“.
Überhaupt das Klangbild: Neben weit überdurchschnittlich flotten Fahrleistungen des Sportwagens ist ein schon von Weitem zu hörender, möglichst markanter Sound für jeden gusseisernen Ferrarista schier unverzichtbar. Von der Fahrerin hinter dem Volant über ihren Sozius bis hin zum Fan am Straßenrand – an alle potenziellen Ohrenzeugen haben die Italiener auch beim Elettrica gedacht.
Doch anstatt eine der schalldruckstarken Sechs-, Acht- oder Zwölfzylinderbaureihen akustisch zu imitieren, montiert Ferrari im Elettrica einen innovativen Beschleunigungsmesser am Gehäuse des Wechselrichters: „Der Klang des vollelektrischen Ferrari wird nicht digital erzeugt, sondern ist der direkte und authentische Ausdruck seiner Komponenten“, beschreiben die Macher der Marke mit dem tänzelnden Pferd im Wappen ihren außergewöhnlichen Ansatz am Inverter. Und weiter: „Ein an der Hinterachse angebrachter Hochpräzisionssensor erfasst die Frequenzen des Antriebsstrangs, die verstärkt und in die Umgebung projiziert werden“.

E – wie in Eintrittskarte
Noch hat die Redaktion von Ferraris Geheimniskrämern nichts E-Melodisches auf die Ohren gekriegt. Leider. Bis auf Weiteres müssen sich Elettrica-Interessenten daher mit der „amtlichen“ Schilderung des Resonanzresultats begnügen: „Das Ergebnis ist eine authentische, dem Elektromotor eigene ‘Stimme‘, die sich jedoch nur dann bemerkbar macht, wenn sie funktional sinnvoll ist“. Sie gebe „dem Piloten Feedback“ und verstärke „das Gefühl dynamischer Reaktion“. Achtung, bitte – notorische Kavalierstarter und verbrennungsmotorische Krawallbrüder mögen Ferraris folgende Zeile zum Elettrica einfach mal überlesen: „In normalen Fahrsituationen wird Stille bevorzugt, um den akustischen Komfort zu maximieren“.
Neunzig Prozent aller jemals hergestellten rund 330.000 Ferraris – auf diese Produktionszahl kam das südwestdeutsche VW-Label Porsche in einem einzigen guten Geschäftsjahr – existieren nach Schätzungen des Unternehmens aus der norditalienischen Region Emilia-Romagna noch. Und viele Stammkunden hüten ganze Fuhrparks von Ferrari in Großgaragen. Solche solventen Sammler hat Stephen Reitman im Blick: „Zu den möglichen Überlegungen, die potenzielle Elettrica-Kunden eines Tages anstellen dürften“, so der Aktienanalyst von Bernstein aus London, „wird die Hoffnung gehören, dass sich ihr Ansehen bei Ferrari durch den BEV-Kauf verbessern könnte – was langfristig die Chancen erhöhen sollte, vom Hersteller eines der begehrtesten Modelle wie den F 80 zugeteilt zu bekommen.“
Letzterer ist ein 1.200 PS starker Hybrid-Zweisitzer und kostet stolze 3,6 Millionen Euro. Den Preis des Elettrica verrät Ferrari noch nicht, doch dürfte eine mittlere sechsstellige Summe realistisch sein. Die auf 799 Exemplare streng limitierte F-80-Kleinserie ist längst ausverkauft. „Beim Elettrica werden wir die Stückzahl nicht begrenzen“, hob Chefproduktentwickler Gianmaria Fulgenzi gegenüber electricar hervor. Wird er sich denn selbst einen der Vollstromer bestellen? „Dazu darf ich nichts sagen“, gab Fulgenzi zur Antwort. Er schob noch etwas Privates nach, wieder augenzwinkernd: „Aber ich nutze schon längst ein hochexklusives Fahrrad mit Kohlefaserrahmen“.
