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  • AutorenbildHartmut Schumacher

Die Debatte über die Mobilität der Zukunft wird höchst emotional geführt

Noch längst nicht zeigt sich die Mehrheit der Menschen von den Vorteilen der Elektromobilität überzeugt. Die Debatte um dieses Thema ist nicht nur von Tatsachen, sondern auch von Emotionen geprägt.


Elektromobilität spaltet die Gesellschaft. Manche Leute halten das Elektroauto für eine tolle, moderne Sache, die dazu beiträgt, unseren Planeten zu retten. Für viele andere Menschen dagegen ist es ein unausgereiftes Spielzeug einer Verbotskultur. In einer aktuellen Umfrage des ADAC beispielsweise würden sich nur 22 Prozent der Befragten für ein Elektroauto entscheiden, 41 Prozent dagegen weiterhin für ein Verbrennermodell.


Wie kommt das? – Die Argumente für Elektromobilität sind ja recht einfach zu verstehen: Elektroautos schaden der Umwelt weniger als Verbrennerautos. Darüber hinaus benötigen sie keinen Kraftstoff, der aus fossilen Materialien besteht, die nur noch kurze Zeit vorhanden sein werden.


Warum aber sind viele Menschen so vehement gegen Elektromobilität? Dafür gibt es eine Reihe von Gründen – die sich gruppieren lassen in 1. zutreffende Gründe, 2. irrtümliche Gründe und 3. psychologische Gründe.

Zu den zutreffenden Gründen gehören die hohen Preise und Bedenken wegen der Lademöglichkeiten. Zu den irrtümlichen Gründen darf man die Reichweitenangst zählen und Zweifel an der Umweltfreundlichkeit.

Hohe Kaufpreise


Eines der wichtigsten Argumente von Elektrogegnern sind die hohen Kaufpreise von E-Autos. Und tatsächlich: Laut dem „DAT Report 2024“ kostet ein neues Elektroauto mit durchschnittlich 50.060 Euro rund 15.000 Euro mehr als ein neuer Verbrenner. Bei Gebrauchtwagen sieht es dem Online-Marktplatz AutoScout24 zufolge ähnlich aus: Elektroautos kosten durchschnittlich 36.700 Euro, Verbrenner 26.280 Euro.


Fatal ist dies unter anderem deshalb, weil die meisten Menschen nicht bereit oder in der Lage sind, derartig viel Geld auszugeben. In der „Global Automotive Consumer Study 2024“ der Unternehmensberatung Deloitte beispielsweise gaben 55 Prozent der Befragten in Deutschland an, ihr nächstes Fahrzeug solle unter 30.000 Euro kosten. Nur 25 Prozent wären bereit, zwischen 30.000 und unter 50.000 Euro zu zahlen. Und magere 12 Prozent würden 50.000 Euro oder mehr ausgeben.


Zwei Trostpflaster gibt es jedoch: Erstens sei laut einer Analyse des Center of Automotive Management ab 2025 mit einem verstärkten Angebot kostengünstiger E-Autos zu rechnen. Und zweitens sind die Gesamtkosten wichtiger als der Kaufpreis. Wie sieht es also damit aus? Lange war es für Elektroautos relativ einfach, hier die Nase vorne zu haben. Inzwischen ist das wegen des Wegfalls des Umweltbonus und wegen gestiegener Stromkosten zwar etwas anders. Laut aktuellen Berechnungen des ADAC schneiden Elektroautos dennoch im Kostenvergleich „oftmals“, aber nicht immer besser ab als Benzinverbrenner.


Unzureichende Ladeinfrastruktur


In Umfragen steht die unzureichende Ladeinfrastruktur meist weit oben bei den Gründen, die gegen Elektromobilität sprechen. Wie aber sehen die Fakten aus? In Deutschland gibt es laut der Bundesnetzagentur (Stand 1. November 2023) 11.5308 öffentlich zugängliche Ladepunkte, davon 22.047 Schnellladepunkte.


Dem Verband der Automobilindustrie VDA zufolge müsste sich das Ausbautempo der vergangenen zwölf Monate mehr als verdreifachen, um das Ziel von 1 Million Ladepunkten im Jahr 2030, das auch die Bundesregierung in ihrem Koalitionsvertrag festgelegt hat, zu erreichen.


Dazu die VDA-Präsidentin Hildegard Müller: „Der Ausbau der Ladeinfrastruktur ist eine der drängendsten Infrastrukturaufgaben für Deutschland, wurde aber lange viel zu sehr vernachlässigt. [...] Dass es in jeder zweiten Gemeinde in Deutschland nicht einen einzigen Ladepunkt gibt, ist ernüchternd und verdeutlicht den politischen Handlungsbedarf.“


Besser sieht es aus, wenn man nicht die Anzahl der Ladepunkte betrachtet, sondern deren Ladeleistung: In der „Verordnung zum Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe“ der EU vom September 2023 heißt es: Ab Ende 2024 müsse pro Elektroauto eine Gesamtladeleistung von mindestens 1,3 kW über öffentlich zugängliche Ladestationen bereitgestellt werden und pro Plug-in-Hybrid-Fahrzeug eine Gesamtladeleistung von mindestens 0,80 kW. Für die in Deutschland zugelassenen E-Autos ergibt dies einen Bedarf von 2,3 GW. Tatsächlich aber stehen (Stand 1. Oktober 2023) laut dem Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft 5,2 GW installierter Ladeleistung zur Verfügung. Also mehr als doppelt so viel wie in den EU-Vorgaben gefordert.


Wichtiger als die öffentlichen Ladepunkte sind allerdings die nicht-öffentlichen Ladepunkte. Denn etwa 85 Prozent der Ladevorgänge finden (nach Angaben der „Nationalen Plattform Zukunft der Mobilität“) am Arbeitsplatz oder zu Hause statt. Wer jedoch in einem Mehrfamilienhaus wohnt, der ist dabei stark im Nachteil: Lediglich 11 Prozent dieser Häuser verfügen laut einer ADAC-Umfrage über zumindest eine Steckdose zum Aufladen. Kleiner Lichtblick: Im Jahr 2030 wird (laut einer Studie der „Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur“) voraussichtlich an immerhin etwa 61 Prozent der privaten Stellplätze ein Ladepunkt zur Verfügung stehen.



Begrenzte Reichweite?


Die „begrenzte Reichweite“ ist laut dem „DAT Report 2024“ für potentielle Käufer der wichtigste Grund, der gegen die Anschaffung eines Elektroautos spricht.


Einem Faktencheck hält dies allerdings nicht stand. Denn laut einer Auswertung des Vergleichsportals Check24 liegt die durchschnittliche Fahrleistung eines Pkw in Deutschland bei etwa 30 Kilometern pro Tag. Das stellt selbst die vergleichsweise kleinen Akkus der preiswerteren Elektroautos nicht vor Probleme.


Lediglich etwa 1 Prozent aller Pkw-Fahrten sind länger als 100 Kilometer (laut der Studie „Mobilität in Deutschland“ des Bundesministeriums für Digitales und Verkehr). Zum Vergleich: Die durchschnittliche Reichweite der 39 Elektroautos, die der ADAC im Jahr 2023 getestet hat, beträgt 393 Kilometer.


So ist die Reichweitenangst auch eher ein Phänomen bei potentiellen Käufern, nicht aber bei Autofahrern, die schon konkrete Erfahrungen mit Elektrofahrzeugen gemacht haben. Laut dem „EV Driver Survey Report 2023“ des Ladelösungenanbieters Shell Recharge Solutions gaben 47 Prozent der E-Autofahrer an, den Akku ihres Fahrzeugs nicht täglich aufladen zu müssen. Im Jahr 2022 waren es erst 21 Prozent. Zudem sagten lediglich 14 Prozent der Befragten, sie unternähmen wegen Sorgen bezüglich der Reichweite keine längeren Reisen.


Umweltfreundlichkeit


In vielen Diskussionen über Elektromobilität kommt irgendwann ein Schlauberger mit dem Argument an, dass Elektroautos in der Herstellung umweltschädlicher sind als Verbrennerfahrzeuge und dass Elektroautos mit Strom aus Kohlekraftwerken betrieben werden. Stolze 60 Prozent der Deutschen haben laut dem „Mobilitätsmonitor 2024“ der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech) Zweifel an einer positiven Umweltbilanz von Elektroautos.


Völlig unbegründet sind diese Bedenken tatsächlich nicht: Beim Herstellen eines Elektrofahrzeugs entstehen deutlich mehr Emissionen von Kohlendioxid und anderen Treibhausgasen als beim Anfertigen eines Verbrennerautos. Schuld daran ist die energieaufwendige Produktion der Batterie. Nach Angaben des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI fallen daher zwischen 70 und 130 Prozent mehr Treibhausgasemissionen an als bei der Herstellung von Benzin- oder Dieselfahrzeugen.


Erst im tatsächlichen Betrieb verursachen Elektroautos weniger Schadstoffemissionen als Verbrenner. Wie viel weniger, das hängt vom jeweiligen Strommix ab – also davon, welcher Anteil der Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien stammt.


Laut einer aktuellen Studie des Instituts für Energie- und Umweltforschung Heidelberg (ifeu) im Auftrag des Umweltbundesamts verursacht ein Elektroauto, das im Jahr 2020 zugelassen wurde, im Laufe seines Lebens 40 Prozent weniger an Treibhausgasen als ein Verbrenner. Über den Daumen gepeilt beginnt ein Elektroauto also nach drei, vier Jahren, umweltfreundlicher zu sein als ein Benziner. Bei einem „zügigen Ausbau“ erneuerbarer Energien steige der Klimavorteil eines Elektroautos, das im Jahr 2030 zugelassen wird, von 40 auf bis zu 55 Prozent an.


Zuverlässigkeit


Gelegentlich kommen auch Zweifel auf an der Zuverlässigkeit und der Ausgereiftheit von Elektroautos. Die „ADAC Pannenstatistik 2024“ entlarvt diese Bedenken jedoch als Mythos:


Elektrofahrzeuge schneiden in dieser Statistik deutlich besser ab als Verbrenner. Konkret: Bei Elektroautos (mit Erstzulassung 2021) kam es im Jahr 2023 zu 2,8 Pannen pro 1.000 Fahrzeuge, wohingegen die Verbrenner dieses Jahrgangs 6,4 Pannen verzeichnen mussten.


Signifikante Unterschiede gab es vor allem bei Problemen rund um den Motor: Während dieser Bereich bei den Verbrennern für 1,2 Pannen pro 1000 Fahrzeuge verantwortlich war, kam es bei den elektrischen Modellen zu lediglich 0,2 Pannen dieser Art. Kaum Unterschiede zwischen den beiden Antriebsarten gab es dagegen bei den Bauteilen Bremsen, Fahrwerk und Karosserie.


Psychologische Gründe


Psychologische Gründe spielen bei der Ablehnung von Elektroautos ebenfalls eine Rolle: Eng verbunden mit der Elektromobilität ist das Verbrennerverbot ab 2035. Allerdings reagieren Menschen eher schlecht auf Zwänge und Verbote – oft mit einer Art von Trotz und einer „Jetzt erst recht“-Haltung. „Reaktanz“ nennen Psychologen dies. Damit einher geht eine emotionale Aufwertung derjenigen Freiheiten, die einem Menschen genommen wurden, was zu einem inneren Widerstand gegen das Verbot führt und die Tendenz fördert, das zu tun, was verboten wurde.


Sowohl in Deutschland als auch Österreich sind etwa zwei Drittel der Bevölkerung gegen das Verbrennerverbot. Unter Umständen wäre die Akzeptanz von Elektromobilität also höher, wenn es dieses Verbot nicht geben würde. Ob man dies der Politik allerdings zum Vorwurf machen kann, ist fraglich. Denn angesichts der durch den drohenden Klimawandel bedingten Dringlichkeit wäre es wohl nicht sinnvoll, nur auf den guten Willen der Wirtschaft und auf die Einsichtsfähigkeit der Bevölkerung zu setzen.


Ein weiterer psychologischer Grund: Viele Menschen sind Neuem gegenüber erst einmal skeptisch. Meist ist dieses Skepsis umso größer, je länger sie Zeit hatten, sich an den bisherigen Zustand zu gewöhnen. Deutlich wird dies beispielsweise in einer Umfrage des Energieunternehmens Vattenfall.


Fehlendes Wissen


Selbst wenn Gegner der Elektromobilität es nicht gerne hören werden, so scheint doch oft auch fehlendes Wissen der Grund für eine ablehnende Haltung zu sein. So sieht es zumindest Thomas Weber, Präsident der Deutschen Akademie der Technikwissenschaften (Acatech). Anlässlich der Vorstellung des „Mobilitätsmonitors 2024“ fand er deutliche Worte: „Der Mobilitätsmonitor 2024 zeigt deutlich, dass viele Menschen in Deutschland beim Thema E-Mobilität noch weitere Informationen benötigen. Fast die Hälfte der Befragten traute sich bei der Frage nach der geschätzten Ladezeit eines E-Autos keine Angabe zu. Auch Fortschritte bei der Ladeinfrastruktur und Reichweite werden von der Bevölkerung scheinbar nicht wahrgenommen. Wir brauchen hier dringend weitere gemeinsame Anstrengungen, um den Menschen das Wissen für eine fundierte Meinungsbildung zur Verfügung zu stellen.“



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