• Christoph Lumetzberger

Edel-Schwede im Test

Volvo V60 T6 Twin Engine


Der Durchschnitts-Skandinavier genießt hierzulande einen ausgezeichneten Ruf. Ihm wird nicht nur Zurückhaltung, Bodenständigkeit und ein Hauch Coolness nachgesagt, sondern auch, dass er mit sich selbst im Reinen ist. Herausforderungen werden mit Logik und Verstand angegangen und Problemlösungen erfolgen abseits eines Sumpfes an Emotionen.


So in etwa könnte auch die Markenbeschreibung Volvos lauten. Die Schweden haben sich über Jahre ein glattpoliertes Image im oberen Mittelklasse-Segment erarbeitet. Der V60 T6 Twin Engine passt da perfekt ins Gesamtbild des Line-ups und bildet gemeinsam mit dem V90 die Hybrid-Kombi-Flotte. Dabei ist er nur unwesentlich schwächer auf der Brust als sein größerer Bruder.


Schick statt Schickimicki

Aber um den soll es auch nicht gehen, sondern um den V60 Recharge. Der traf bei uns in der Ausstattungsvariante Inscription ein, bestückt mit allerhand serienmäßigen und zubuchbaren Extras. Ins Auge sticht direkt der charmante und Volvo typische Kühlergrill im Wasserfall-Design, dessen Chrom-Elemente sich erhaben aus der Denimblauen Metallic-Lackierung zeigen. Die Front des Wagens ist zeitlos und wirkt dabei gleichermaßen modern und vertraut. Ein Spagat, den Volvo wie kaum ein anderer Fahrzeughersteller hinbekommt. Ähnliche wie bei einem geliebten Film, den man sich zum x-ten Male ansieht, weil man weiß, dass dieser gute Laune in einem auslöst. Die markanten Voll-LED-Scheinwerfer Thors Hammer samt Scheinwerferregulierungsanlage überzeugen nicht nur bei nebeligen Fahrbedingungen. Das intelligente Fernlicht erkennt sich nähernden Gegenverkehr, schafft es, eben diesen Bereich des Lichtkegels auszublenden und verhindert so, dass das entgegenkommende Fahrzeug von der Leuchtkraft des Scheinwerfers geblendet wird.


Schweift der Blick an der Wagenfront vorbei, zieht sich das homogene Bild weiter. Der V60 ist wuchtig und zurückhaltend zugleich, die 4,76 Meter vom Kühler bis zum Auspuff versprühen edle Eleganz, die Formensprache des Teilzeitstromers Zeitgeist und Moderne. Die Seitenfenster ab der B-Säule sowie die Heckscheibe waren bei unserem Testwagen abgedunkelt, was den Personen im Fond eine gewisse Privatsphäre bietet. Müßig zu erwähnen, dass dies der Eleganz der Wagenoptik natürlich auch zuträglich ist.


Das Heck des V60 haben die Ingenieure bewusst sportlich gestaltet, die zwei Rückleuchten schmiegen sich passgenau um die Kofferraumklappe. Oberhalb der hoch angesetzten Heckscheibe thront ein Spoiler, in welchen eine zusätzliche Bremsleuchte eingearbeitet wurde. Den prominenten Volvo-Schriftzug kennt man bereits von früheren Modellen der Schweden, ebenso wie die klare und kantige Linienführung der Lichtanlage.


Lagerfeuer-Romantik

Die smarte Eleganz des Wagens setzt sich auch im Interieur fort. Die Innenausstattung unseres Testwagens wurde großteils in Beige gehalten und auch hier stellt sich das typische Volvo-Gefühl beim erstmaligen Einstieg sofort ein. Die konsequente Verwendung hochwertiger Materialien lässt selbst in grauen Wintermonaten - die während unseres Testzeitraums währten - die Kühle der trüben Tage draußen und im Innenraum stellt sich unweigerlich eine wohlige Stimmung ein. Beinahe so, als würde man irgendwo zwischen Stockholm und Östersund im tiefsten schwedischen Hinterland in einer Blockhütte vor einem Kamin sitzen und den Blick über die verschneite und unberührte Tundra schweifen lassen. Die Wohnzimmeratmosphäre wird nicht zuletzt auch dank der niedrigen Geräuschkulisse, die während der Fahrt im Wagen vorherrscht, verbreitet.


Die Sitze des V60 sind komfortabel und ergonomisch an beinahe alle Bedürfnisse anpassbar. Verschiedene Sitzprofile machen den Wagen auch Paaren zugänglich, die sich in regelmäßigen Abständen am Steuer abwechseln wollen - was wir definitiv verstehen können. Denn die schwedisch angehauchte Designsprache spiegelt sich nicht nur in den verwendeten Materialien, sondern auch in der Verarbeitung wider. Beinahe durchgehend softe Oberflächen, dazu edle Kontrastnähte und ein gelungener Stilmix zwischen schwarzer und weißer Linienführung sind markant und zugleich bezeichnend für den Schweden. Außerdem spielt Volvo gekonnt mit passiver Beleuchtung, sodass die Fahrt auch zum visuellen Erlebnis wird, sobald die Sonne unter den Horizont taucht.


Strassenkarte

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Die im Kombiinstrument anzeigbare Navigationsoberfläche lenkte uns in den Testfahrten weitaus weniger ab als der Blick auf die Mittelkonsole.


Für den Fahrspaß sorgen aber nicht nur Ambientebeleuchtung und Bequemlichkeit, auch die verbaute Technik trägt ihren Teil dazu bei. So ist die raffinierte Software etwa in der Lage, dank Autopilot den Boliden auf der befestigten und gut markierten Strecke zu halten. Bleiben die Hände jedoch zu lange vom Lenkrad weg, so meldet sich der V60 und verhindert, dass sich der Fahrzeuglenker allzu lange von Smartphone und Co. ablenken lässt.


Ist viel auch zu viel?

Apropos Ablenkung: Hier müssen wir eine der wenigen Schwächen des Wagens aufdecken - das Infotainmentsystem. Allerdings ist es keineswegs schwach, was den Funktionsumfang betrifft. Dieser ist vollgepumpt mit Möglichkeiten und einer Einstellungsvielfalt, die ihresgleichen sucht. Egal ob umfangreiche Sprachsteuerung, eine Vielzahl an Konnektivitätsmöglichkeiten wie ein Internetzugang samt Onlineradio (der Hersteller nennt dies Volvo On Call) oder die Möglichkeit, den Fahrzeugstandort und -status per Smartphone abzurufen - der V60 ist technisch auf dem neuesten Stand. Dafür spricht auch das Sensus-Navigationssystem mit Echtzeit-Verkehrsinformationen, welches in enger Abstimmung mit dem Motor zusammenarbeitet, um die zur Verfügung stehende Batterieenergie möglichst effizient einzusetzen, damit so wenig Superbenzin am Weg von A nach B verbraucht wird, wie nur unbedingt nötig.


Doch warum ist dieses umfangreiche Technikpaket in unseren Augen ein Schwachpunkt? Nicht die verbaute Technik, sondern die Bedienbarkeit ist es, die uns etwas ratlos zurücklässt. Denn beinahe die gesamte Steuerung des Wagens erfolgt über das zentrale, neun Zoll große Display in der Mittelkonsole. Dabei ist die Bedienbarkeit zwar zeitgemäß, ein Homebutton unterhalb des Bildschirmes schafft ein Smartphone-ähnliches Umfeld, allerdings sind einige Schaltflächen erst nach längerem Suchen und in diversen Untermenüs zu finden. Um die Wagentemperatur zu ändern, muss etwa jedes Mal ein separates Menü geöffnet werden, obwohl die Klimaeinstellungen permanent im unteren Bildschirmbereich eingeblendet werden. Ähnlich verhält es sich bei der Multimediasteuerung. Hier sind viele Elemente optisch ähnlich gehalten, sodass sie den Fahrer während der Fahrt dazu verleiten, länger auf den Bildschirm zu blicken, als es eigentlich sein sollte. Zusammengefasst: Das Multimediasystem ist keineswegs schlecht, im Gegenteil. Es offeriert eine Fülle an Einstellungsmöglichkeiten, hat aber Schwächen in der Nutzbarkeit. Da das Bedienkonzept einem Smartphone ähnelt, werden sich zumindest jüngere Semester dennoch gerne damit auseinandersetzen.


Understatement

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Das Cockpit des V60 überzeugt mit hochwertigen Materialien und ist tadellos verarbeitet, ohne jedoch aufdringlich zu wirken.


Das Kombiinstrument hinter dem Lenkrad ist zur Gänze digital, vorbei sind die Zeiten analoger Tachonadeln oder Tank-Füllstände. Das 12,3 Zoll große Display beinhaltet alle wichtigen Informationen, die während der Fahrt benötigt werden. Was sich in unseren Testwochen als äußerst angenehm erwiesen hat, ist die Einblendung des Navigationsbildschirmes während der Fahrt. Der Blick von der Straße zum Kombiinstrument lenkt weitaus weniger ab, als der permanente Blick zur Mittelkonsole.


Für jeden etwas dabei

Womit wir schon beim Thema sind: Die Fahrt und die Alltagstauglichkeit. Der Volvo V60 T6 Twin Engine wird gerne als Sportkombi bezeichnet, was ihn unserer Meinung nach auch gut charakterisiert. Einerseits eignet er sich mit seiner Dynamik und seinen Fahreigenschaften trotz seiner Länge für schnittiges Durchqueren von Häuserschluchten, andererseits macht er dank seiner Robustheit und Souveränität auch Überland eine gute Figur. Bemerkenswert ist das herausragende Zusammenspiel von Elektro- und Verbrennermotor in Kombination mit der Achtgang-Automatik. Dieses beschleunigt den mehr als zwei Tonnen schweren Wagen in unter sechs Sekunden aus dem Stand auf über 100 Stundenkilometer - kein Wunder bei einer Systemleistung von knapp 340 PS.


Sicherheit wird beim skandinavischen Autobauer übrigens großgeschrieben. Volvo drosselt seinen Fuhrpark künftig bei 180 Stundenkilometer und möchte damit die Verkehrssicherheitsstatistik seiner Fahrzeuge massiv anheben.


Alles im Blick

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Dank Scheinwerferregulierungsanlage sowie den Thors Hammer genannten Voll-LEDs ist die Strecke immer bestens ausgeleuchtet.


In unserem Praxistest schaffte der V60 rund 45 Kilometer mit reiner Elektropower. Ohne elektrische Unterstützung verbrauchten wir 7,8 Liter Superbenzin auf 100 Kilometern. Dabei legten wir gleichermaßen Arbeitsweg im Pendelverkehr und längere Distanzen am Wochenende zurück. Der kombinierte Verbrauch nach WLTP-Berechnung wird vom Hersteller mit 1,8 Litern auf 100 Kilometern angegeben. Diesen Wert erreichten wir knapp nicht, unser Testwagen landete in der Praxis bei 2,2 Litern. Die Strombetankung erfolgte in unserem Test per Photovoltaik-Anlage an der herkömmlichen Haushaltssteckdose. Diese befüllte den Wagen immer über Nacht, sodass die Batterie, die im V60 übrigens zwischen Fahrer- und Beifahrersitz unter der Mittelkonsole sitzt, am nächsten Morgen vollgeladen war.


Qualität hat ihren Preis

Der Wagen ist bereits im Handel und kann auf der Webseite des Herstellers vollständig vorkonfiguriert werden. Dass sich Volvo eine selbstbewusste Preispolitik angeeignet hat, zeigt die Selbstverständlichkeit, mit welcher sich die Schweden im Automarkt inzwischen positioniert haben. Eine wertige Verarbeitung, die Fülle an modernster Fahrzeugtechnik und nicht zuletzt die mit fünf von fünf Sternen im Euro NCAP-Crashtest ausgezeichnete Fahrzeugsicherheit des V60 T6 Twin Engine rechtfertigen den Preis am Ende dann doch. Der Basispreis unseres Testwagens betrug 59.460 Euro, die zusätzlichen Extras hoben den Kaufpreis auf 71.160 Euro (in Österreich).


Technische Daten


Hersteller: Volvo

Modell: V60 T6 Twin Engine

Antriebsart: PHEV

Leistung: 186+64 KW/ 253+87 PS

Masse/ Gewicht: 4.761 x 1.850 x 1.432mm/ 2061 kg

Anzahl der Türen: 5

Kofferraumvolumen: 529 l

Reichweite: rund 50km (elektrisch)

0-100 km/h: 5,6 Sekunden

Spitze: 180 km/h

Preis: 71.160 €