• Christoph Lumetzberger

Hungrig und Bullig - Der erste vollelektrische Polestar im electricar Praxistest

In der dunklen Jahreszeit gibt es für viele Menschen nur wenig gute Gründe, die eigenen vier Wände zu verlassen, sich der nasskalten Stimmung hinzugeben und der beißenden und Unwohlsein hervorrufende Kälte bewusst die Stirn zu bieten. Doch genau dies haben wir in den vergangenen Wochen getan. Allerdings nicht ohne Grund. Denn wir hatten den Polestar 2 zu Gast. Der elegante Schweden-Stromer stand kaum auf dem Hof, da zeigte er bereits seine Avancen, der redaktionsinterne Star der kommenden Wochen sein zu wollen. Wie bei einem Besuch in der In-Diskothek, wenn der Schwarm der Massen die Szenerie betritt.



Neugierig


So verhielt es sich auch mit dem Polestar 2. Neugierig wurde er von der Kollegenschaft inspiziert, die Wünsche nach einer Probefahrt häuften sich und auch die Nachbarn lugten interessiert aus dem Fenster, als der Wagen den ersten Nachmittag vor den eigenen vier Wänden des Autors stand und Strom von der hauseigenen Photovoltaikanlage zapfte. Kein Wunder, denn der Wagen zieht mit seiner Coolness-versprühenden Optik zweifelsohne die Blicke auf sich. Dem Hersteller ist es gelungen, einen geschickten Stilmix zwischen klassischer Limousine und angedeuteten SUV-Attitüden zu generieren. Die im Fahrzeugboden untergebrachte Batterie hebt dabei den eigentlich beinahe als typisch zu bezeichnenden Limousinen-Aufbau um gerade einmal so viel nach oben, dass dem Polestar 2 eine ganz eigene Optik zuteilwird. In der Tuning­szene würden wir wohl ein in maximaler Höhe ausgefahrenes Luftfahrwerk vermuten, so holt sich der skandinavische Krieger die Vorzüge aus gleich zwei unterschiedlichen Welten. Einerseits erscheint er immer noch als sportlich, schnittige Limousine mit auffälligem Fließheck und weiteren typischen Eigenschaften eines bodenhaftenden Straßenkreuzers. Andererseits fällt es direkt beim erstmaligen Einstieg auf, dass die Sitzposition zumindest soweit erhöht ist, dass man an der Ampelkreuzung vom nebenan wartenden Kombifahrer eher von unten, als von oben angeblickt wird. Dabei darf dies nicht nur als bloßes Mittel zum Zweck verstanden werden, denn Polestar spielt sehr geschickt mit einem nicht in Wagenfarbe gehaltenen Unterbau. Dies führt dazu, dass es fast scheint, als würde die Karosserie schweben.


Gekonnter Augenaufschlag


Keinesfalls darf man aber den Fehler machen, die Optik des Wagens nur auf sein geschicktes Spiel mit den Aufbauarten zu reduzieren. Denn vom angedeuteten Kühlergrill bis zu den Rücklichtern steht ein selbstbewusster Skandinavier mit stattlichen 2,1 Tonnen auf vier bulligen Zwanzigzöllern vor einem. Die Pixel-LED-Scheinwerfer verfügen jeweils über 84 LEDs, die es dem Polestar 2 ermöglichen, immer die maximale Ausleuchtung nach vorne zu gewährleisten. Dank adaptivem Fernlicht wird zuverlässig das Blenden des Gegenverkehrs verhindert und nur die Bereiche ausgeleuchtet, die keinen entgegenkommenden Wagen blenden. Außerdem stellt die Lichtanlage Begrüßungs- und Verabschiedungssequenzen dar, sobald der Wagen ent- oder verriegelt wird.


Die durchgängige Heckbeleuchtung ist markant und brennt sich ins Gedächtnis.

Mindestens so einprägsam wie die Scheinwerfer vorne sind die Lichtquellen am Heck des Wagens. Sofort ins Auge sticht die durchgängige Rückleuchte, die erst gar nicht versucht, die Nähe des Polestar-Konzerns zur schwedischen Mutter Volvo zu verbergen. Im Gegenteil. Gleich mehrere Personen sprachen uns bei den diversen Zwischenstopps während der Testfahrten auf den Wagen an und auf Nachfrage, was das denn für eine Marke sei, tippten einige sogar direkt auf Volvo.


Ein zusätzliches, designtechnisches Highlight sind die Außenspiegel. Diese stechen zwar erst so richtig ins Auge, wenn man das erste Mal Platz im Wagen genommen hat, dann blickt man jedoch sehr gerne auf die rahmenlosen und von der Karosserie abgesetzten Spiegel. Interessanterweise hatten wir, entgegen der ersten Erwartungen, selbst bei Fahrten im Nieselregen keine großen Probleme mit abrinnenden Wassertropfen. Und auch unangenehmes Blenden aufgrund der fehlenden, überstehenden Ränder konnten wir nicht feststellen. Im Gegenteil. Dank intelligenter Beschichtung wird sogar gerade dies verhindert.


Ein kleines Detail mit großer Wirkung: Die randlosen Außenspiegel verleihen dem Polestar 2 das gewisse Etwas.

Abfahrt!


Die Optik ist immer die eine Sache, doch was wirklich zählt, sind die inneren Werte. Und gerade in Sachen Fahrspaß gefiel uns der Polestar äußerst gut. In gerade einmal 4,8 Sekunden beschleunigten wir von 0 auf 100 km/h, vor allem der für Überhol- und Einordnungsvorgänge wesentliche Beschleunigungszug von 60 auf 100 km/h gelang in gerade einmal 2,2 Sekunden. Ein Topwert, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass das Gefährt stattliche 2,1 Tonnen auf die Waage bringt - wohlgemerkt ohne Lenker, Mitfahrende oder Gepäck. Auf der Straße liegt der Schwede wie ein Brett, da macht sich die Positionierung des Akkus an der Unterseite, um einen möglichst tiefen Schwerpunkt zu bekommen, bezahlt. Selbst in schnittiger Kurvenlage und in der sportlichsten Fahreinstellung klebt der Polestar auf dem Asphalt.


Auch wenn neue Modelle der Konzernmutter Volvo künftig bei 180 km/h eingebremst werden, so darf der Polestar die 200 noch knacken, wenngleich bei 205 km/h elektronisch eingebremst wird und dann Schluss mit lustig ist. Aber ein E-Auto über einen längeren Zeitraum mit 200 km/h zu pilotieren, lässt die Sonntagsausfahrt ganz schnell zum Ladesäulen-Hopping verkommen.


„Ich habe Durst!“


Denn sucht man nach Schwächen, findet man diese beim Schweden-Stromer ganz klar im Akkuverbrauch. Denn die Batterie wäre mit 78 kWh eigentlich ordentlich bemessen. Allerdings schaffte der Polestar 2 bei durchschnittlicher Fahrweise gerade einmal etwas mehr als 300 Kilometer, bis sich die Akkuanzeige der bedrohlichen 15 Prozent Restreichweite näherte - deutlich weniger als die WLTP-Angabe von 480 Kilometern mit dieser Konfiguration. Fairerweise muss festgehalten werden, dass zum Testzeitpunkt Temperaturen um den Gefrierpunkt geherrscht haben und der Fokus nicht auf ein maximales Ausreizen der zur Verfügung stehenden Energie lag. Viel mehr haben wir ganz einfach das gemacht, was man im Alltag halt so tut. Wir fuhren immer genau die erlaubten Geschwindigkeiten, nahmen bei den Assistenzsystemen und den Komfortfunktionen keine besondere Rücksicht, benutzten aber zumindest One-Pedal-Drive zur optimalen Rekuperation.


Beim doch saftigen Verbrauch des Pole­star 2 ist eine möglichst flotte Ladegeschwindigkeit essenziell - und die bietet der Wagen auch. An der Schnellladesäule schafften wir es, die Batterie in gerade einmal etwas mehr als 30 Minuten von 15 auf 80 Prozent zu betanken. An der 11 kW-Säule verbringt der Zweitonner hingegen einige Stunden - was auch völlig normal ist - und an der Haushaltssteckdose, wo er mit Photovoltaik-Strom versorgt wurde, hing er die ganze Nacht.


Im Wageninneren dominiert der skandinavische Stil mit hochwertigen Materialien. Veganes Interieur nennt Polestar die Verkleidungen, die weitestgehend mit Stoff überzogen wurden und so sehr edel wirken. Ein Highlight sind die in Schwedisch Gold gehaltenen Sicherheitsgurte, die im Performance Paket integriert sind und dem Wagen den letzten Schliff hin zu einem gelungenen Gesamtpaket geben.


Am Steuer des Polestar 2 fühlt man sich rundum wohl. Hochwertige Materialien und tadellose Verarbeitung lassen es einem an nichts fehlen. Auf dem 11,15 Zoll großen Mitteldisplay läuft Android, Play Store inklusive.

Hersteller

Polestar

Modell

​2 Long Range Dual Motor

Antriebsart

Elektro

Leistung

300 kW / 408 PS

Maße / Gewicht

4.606 x 1.985 x 1.479 mm / 2.113 kg

​Antriebsachse

Allrad

Reichweite

480 km (WLTP)

0-100 km/h

4,8 Sekunden

Spitze

205 km/h

Preis

64.900 Euro (mit Plus-, Pilot- und Performance-Paket)

Kofferraumvolumen

405 l

Türen

5