IAV entwickelt serienreife Lösungen für die Mobilität von morgen
- Beatrice Bohlig & Hennig Krogh
- vor 6 Minuten
- 4 Min. Lesezeit
Die Konzeption ganzer Batteriesysteme für E-Fahrzeuge kostet
Autohersteller oft allzu viel Zeit, Geld und Nerven. Auch hier kann die
IAV GmbH als Entwicklungsdienstleister wertvolle Unterstützung leisten. Electricar sprach mit dem CEO, dem CTO – und einem „Flying Doctor“.
Auf die Frage, was sich hinter „IAV“ verbirgt, muss Jörg Astalosch nicht lange überlegen. Klar, die drei Buchstaben dienen als Abkürzung für „Ingenieurgesellschaft Auto und Verkehr“. Vier andere Worte allerdings sind dem CEO der in Berlin ansässigen GmbH noch wichtiger: „Wir stehen für Serienhärte“, hebt Astalosch hervor. Und das bedeute, „dass wir gemeinsam mit unseren Kunden kompromisslos serienhart, also SOP-reif, die Entwicklungsprojekte durchführen“. Beim Beginn der industriellen Massenfertigung, dem Start of Production (SOP) etwa eines neuen Automodells, dürfen nun mal keine Fehler passieren.
Zum Interview mit Astalosch und Sebastian Sinning, dem CTO der IAV GmbH, macht sich electricar auf nach Gifhorn nahe Wolfsburg. „VW ist einer unserer Shareholder“, sagt Astalosch – und betont: „Wir sind nicht konsolidiert und damit völlig eigenständig“. Neben der Volkswagen AG (50 Prozent) ist die Aumovio Germany GmbH (10 Prozent), hervorgegangen aus der Abspaltung des Sektors Automotive beim Zuliefererkonzern Continental, ein namhafter Gesellschafter der IAV.

Suche nach neuen Aufgaben
Deren weltweit 6600 Mitarbeitende, verteilt auf 25 Standorte, erwirtschafteten im Geschäftsjahr 2024 einen Umsatz von 910,6 Millionen Euro. Der Technikchef skizziert die aus all dem resultierende „IAV-Mentalität“ (Sinning) mit Stolz: „Wir verbinden Engineering-Know-how, Methoden und Tools zu einem Entwicklungsansatz, mit dem wir die komplexesten Herausforderungen unserer Kunden auf dem Weg zur Serienreife lösen.“
Zur Wahrheit gehört aber ebenso, dass die IAV stark vom Automotive-Geschäft getrieben ist. Das steckt bekanntlich vielerorts tief in der Krise, und so müssen sich auch Astalosch und Sinning im IAV-Führungsteam mit personellen Anpassungen bis hin zum Streichen von Stellen beschäftigen. Aktuell macht die Arbeit für die Automobilindustrie inklusive Nutzfahrzeuge rund 90 Prozent des IAV-Umsatzes aus. Allein im Bereich Powertrain hat der Entwicklungsdienstleister rund 2000 Beschäftigte. „Wir diversifizieren unser Geschäft gleichzeitig weiter, setzen dabei auf Kunden aus Defense, Agrar und Energie“, berichtet Astalosch.
Doch die tiefgreifende Transformation im Fahrzeug-Business bietet eben
zugleich ein enormes Chancenpotenzial: „Wer heute den Antriebsstrang von morgen entwickelt, steht vor unzähligen Optionen: vom Verbrenner über Hybrid bis zum reinen BEV, für unterschiedliche Plattformen, Leistungsklassen und Zielmärkte“, erklärt der Chief Technology Officer Sinning.
Und weiter: „Früh im Entwicklungsprozess muss die passende Konfiguration gefunden werden, die zu Kosten, Performance, Effizienz, Reichweite und Nachhaltigkeit passt“. Mit Blick auf die bewusst globale Aufstellung von IAV ergänzt Astalosch zwei Beispiele: „In China sind wir seit Langem aktiv. Auf dem brasilianischen Markt haben wir eine starke Präsenz, sind seit 20 Jahren vor Ort“.

Gespür für knifflige Aufträge
Man habe manche „Herausforderung antizipiert“, sagt Sinning, und könne daher für zahlreiche OEM und Tier-1-Zulieferer „frühzeitig die passende Lösung (...) identifizieren“. Um verschiedenste Varianten zu berechnen und konsequent zu vergleichen, setzen der CTO und seine Ingenieursteams gern auf ihr sogenanntes Powertrain-Synthesis-Tool: „So können Entwicklungsverantwortliche verschiedene Konzepte hinsichtlich Kosten, Effizienz, Performance oder Bauraum bewerten“, sagt Sinning.
Ziel sei es, ein ausgewogenes System-Setup zu identifizieren, das die jeweiligen Anforderungen erfüllt. „Die Ergebnisse liefern bereits früh im Entwicklungsprozess konkrete technische Vorgaben für Systeme und Komponenten“, so der IAV-Cheftechniker, „und bilden damit eine fundierte Basis für die weitere Konzeptentwicklung“.

Zeitersparnis mittels KI
In der Akkukreation sei der Hebel besonders wirkungsvoll. „Viele unserer Kunden entwickeln Batteriesysteme oder spezifizieren deren Anforderungen in-house“, sagt Sinning. „Dabei stehen sie unter großem Zeit- und Kostendruck“. Mit den IAV-Tools könne man gemeinsam den Testaufwand deutlich reduzieren und gleichzeitig die Qualität erhöhen.
„Mit unserem Digital Twin und unserer End-to-End-Toolchain lassen sich das elektrische, thermische und mechanische Verhalten von Komponenten und Systemen über ihre gesamte Lebensdauer hinweg abbilden“, erklärt der CTO. Mit KI-gestützten Messstrategien und einem Closed-Loop-Testmanagement würden Simulation und reale Erprobung „intelligent verknüpft und so Prüfstandsaufwände deutlich reduziert“.

Ob 800-Volt-Architektur für den Maschinenraum eines reinen Stromers oder 1600 PS für den 16-Zylinder-Motor im feinen Bugatti-Bolide – bei den Kraftquellen kennt die IAV keinerlei Tabus: „Wir sind Antriebsagnostiker – technologieoffen und damit auf ganzer Linie überaus kundenorientiert“, sagt Jörg Astalosch. Sein Technikkollege Sebastian Sinning assistiert: „Ich glaube, das persönliche Kundengespräch ist besonders wichtig“.

Langjährige Partnerschaft
So war es schon zu den Glanzzeiten von Ferdinand Karl Piëch (1937 – 2019). Der frühere VW-Patriarch trieb als Mastermind das Revival von Bugatti ebenso voran wie die Realisierung des extrem sparsamen Ein-Liter-Autos XL 1 von Volkswagen: „Wir waren schon bei der Entwicklung des Niedrigverbrauchsfahrzeugs dabei“, blickt Sinning zurück. Damals habe sich die Kardinalfrage gestellt, wie fachgerechte Pflege mitsamt umfassender Wartung zu gewährleisten ist, wenn die Kleinstserie zu den Käufern kommt. Sinning: „Wir haben dann die Verantwortung übernommen, zu sagen: Wir kennen das Fahrzeug, wir kennen dessen Architektur, wir kennen das Backend durch unsere Expertise rund um den VW-Konzern“.

Seither liegen Service und Inspektion des Ein-Liter-Autos prinzipiell bei IAV. „Wir haben die Flying Doctors, und wir sind immer noch die Schnittstelle“, sagt der CTO von IAV. Einer dieser bei Bedarf international einfliegenden XL-1-Doktoren ist IAV-Techniker Ronny Pfeil, der beim Gespräch in Gifhorn erstaunliche Einsätze bei bekennenden Car-Nerds schildert.
Tempo und Verlässlichkeit
Sinning überlegt einen kurzen Moment – und ergänzt: „Gewissermaßen waren bereits Bugatti Chiron und XL 1 frühe Vertreter der smarten SDV-Konzeption.



