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Kolumne Kurt Sigl: Wie lange wird noch über den Umstieg diskutiert?

  • Autorenbild: Kurt Sigl
    Kurt Sigl
  • vor 15 Stunden
  • 2 Min. Lesezeit

Deutschland liebt große Energiedebatten. Besonders dann, wenn sie gleichzeitig moralisch, technisch und politisch kompliziert sind. Bestes Beispiel: Elektromobilität, Atomkraft und Spritpreise – eine Kombination, bei der garantiert jeder recht hat und gleichzeitig keiner zufrieden ist.


Während der Benzinpreis an der Tankstelle regelmäßig kleine Herzrhythmusstörungen auslöst, gilt das Elektroauto inzwischen als Symbol einer vernünftigen Zukunft. Leise, lokal emissionsfrei und mit dem beruhigenden Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu parken. Sofort meldet sich jedoch zuverlässig das Gegenargument: „Aber ohne Atomkraft reicht der Strom doch nie für all die Elektroautos.“ Ein Satz, der in Deutschland fast schon eine Tradition hat.


Dabei ist die Vorstellung, Atomkraft sei der einzige stabile Pfeiler einer elektrischen Zukunft, ungefähr so zeitgemäß wie der Walkman. Natürlich haben Kernkraftwerke früher große Mengen Strom geliefert – konstant und planbar. Doch sie sind inzwischen extrem teuer, langwierig im Bau, politisch umstritten, und sie lösen das Problem der Endlagerfrage eher philosophisch als praktisch.


Währenddessen hat sich die Energiewelt weitergedreht. Wind- und Solarenergie sind bereits massiv ausgebaut, Speichertechnologien entwickeln sich rasant, Netze werden intelligenter und flexible Stromsysteme zum Standard. Die spannende Frage ist also nicht mehr, ob Atomkraft ersetzbar ist, sondern eher, warum sie immer noch so behandelt wird, als wäre sie das letzte verbliebene Verlängerungskabel der Zivilisation.


Ironischerweise passt E-Mobilität sogar sehr gut in ein erneuerbares Energiesystem, was inzwischen sogar die deutschen Autobauer bemerkt zu haben scheinen. Fahrzeuge, wie wir sie in der Umgangssprache nennen, sind ja eher Stehzeuge und können tatsächlich laden, speichern und sogar V2G, den Strom aus der Autobatterie ins öffentliche Netz einspeisen. Ein Benziner hat diese Flexibilität bekanntlich nicht, der will interessanterweise oft dann tanken, wenn das Geld knapp ist. Oder, noch schlimmer, wenn der Nachschub in der Straße von Hormus festhängt.


Am Ende könnte die Realität also überraschend unspektakulär sein: weniger Tankstellen-Drama, mehr Strom aus erneuerbaren Energien, ein paar höchst effektive und große Akkus im Netz und Millionen E-Autos, die still vor sich hinladen. Man nennt das auch: autark sein, weg von allen bisherigen Abhängigkeiten.


Und die Atomkraft? Die bleibt dann vermutlich vor allem das, was sie in Deutschland inzwischen am zuverlässigsten liefert: Stoff für Debatten.


Bild: TELLER IMAGES LTD
Bild: TELLER IMAGES LTD

Hier schreibt Kurt Sigl


Er streitet, poltert und insistiert. Er treibt und verbindet, erklärt und stört. Kurt Sigl ist Experte für Elektromobilität und schickt für jede Ausgabe von electricar eine E-Mail aus Ingolstadt, in der er aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Themen seiner Branche analysiert und kommentiert. Als Mitbegründer und langjähriger Präsident des Bundesverbandes eMobilität gilt Sigl als Leitfigur auf den Gebieten der Elektromobilität und der erneuerbaren Energie. Der kernige Oberbayer, einst im Dienst von Audi, punktet mit seiner über Jahrzehnte ausgeprägten Expertise und der Gabe, Menschen zusammen zu bringen. Mit Nachdruck arbeitet er daran, traditionelle Strukturen und Denkmuster zu hinterfragen, um Raum für neue und zukunftsfähige Modelle zu schaffen.

 
 
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