Polestar 4 im Test: Design trifft auf Komfort und Performance
- Armin Grasmuck
- vor 3 Stunden
- 5 Min. Lesezeit

Zugegeben, es hat eine ganze Weile gedauert, bis der Polestar 4 bei uns auf dem Hof steht. Vorgestellt wurde das SUV-Coupé des schwedisch-chinesischen Herstellers, einem Joint Venture von Volvo und Geely, bereits Ende 2023, kurz darauf kamen die ersten Exemplare auf den Markt. Und obwohl dieses Modell modern gezeichnet, rasant umrissen und entsprechend motorisiert erscheint: Es ist gerade erst dabei, richtig Fahrt aufzunehmen. Ob es an der Heckscheibe
liegt? Dieses Auto hat keine.
Ja, richtig gelesen. Der Polestar 4 ist das erste Serienfahrzeug, das bewusst ohne gläsernes Element auf der Rückseite vorfährt. Keine Heckscheibe! Dafür gibt es eine hochauflösende Weitwinkelkamera, die im Heck verbaut ist und fortwährend Live-Bilder auf den digitalen Spiegel im Innenraum überträgt, sowie das gläserne, bis an die Kante der Heckklappe gezogene Panoramadach. Boah, krass, daran hat sich speziell der Fahrer erst einmal zu gewöhnen. Und darüber wird noch zu reden sein ...
Die Koordinaten unseres Testwagens lassen sich gut von den dezent angebrachten Aufklebern an den vorderen Türen ablesen: Polestar 4, 100 kWh/200 kW, das heißt Größe der Batterie 100 Kilowattstunden, Leistung des Antriebs 200 Kilowatt, also 272 PS. Heckscheibe hin oder her – das klingt verlockend nach Reichweite und kräftigem Vorschub. Optisch erscheint dieser einzigartige Stromer ohnehin ansprechend.
Dynamisch wirkt das SUV-Coupé mit der weit nach unten gezogenen Front und dem speziellen Design der geteilten LED-Scheinwerfer. Flach die Haube, flach die lang gezogene Windschutzscheibe, die Dachlinie fällt sanft nach hinten ab. Und am Heck: Ja, die Scheibe fehlt. Doch von außen betrachtet, macht es keinen Unterschied. Im Gegenteil: Auch das Heck wirkt sportlich wie modern: die klare Abrisskante, darunter die schmale, über die gesamte Breite gezogene Leiste mit den Rückleuchten und das Markenlogo – nordisch dezent. Dieses Design gibt dem Polestar, zu Deutsch: Polarstern, seine spezielle Strahlkraft.

Reduziert und nachhaltig
Dies gilt auch für den Innenraum, der bewusst reduziert, gehaltvoll und nachhaltig gestaltet ist. Holz und Chrom, nein danke. Alle Materialien im Interieur sind recycelt oder wiederverwertbar. Wir setzen uns hinein – und wir sitzen gut.
Jetzt geht‘s los. Ja, und zwar ohne großes Tamtam. Der Polestar 4 hat keinen Startknopf, er ist einsatzbereit, sobald der Fahrer am Lenkrad sitzt. Einfach das Bremspedal treten, den rechten Lenkstockhebel auf D wie Drive drücken – und das Fahrzeug rollt vom Fleck.
Wir sind keine 100 Meter gefahren, natürlich, der Blick geht sofort auf den Rückspiegel, der in diesem Fall eben ein digitaler Bildschirm ist. Klarer Blick nach hinten. Der Horizont ist allerdings etwas breiter, als wir es vom traditionellen Rückspiegel kennen. Das ist neu, daran haben wir uns tatsächlich zu gewöhnen. Gut, nach fünf Minuten ist das Thema erledigt – und kein Problem.
Viel mehr fällt uns auf, wie leise der Polestar dahingleitet. Selbst wenn wir das Strompedal etwas fester treten. Er schnurrt, surrt, bleibt jedoch in jeder Sequenz souverän. Straff liegt das SUV-Coupé auf dem Asphalt, doch mit dem gebotenen Komfort. Wir fühlen uns wohl und genießen die Ausfahrt. Vielleicht liegt es auch daran, dass die künstlich intelligenten Assistenzsysteme in diesem Fahrzeug dezenter als bei manchem Marktbegleiter agieren. Kein nervöses Gebimmel, dafür sanfte wie bestimmte Hinweise auf Tempolimits und vermeintlich abgelenkte Steuermänner.
Künstlich intelligente Helfer
Die Assistenten im Polestar 4 wirken unterstützend beim automatischen Regeln der Geschwindigkeit und beim Spurwechseln. Sie warnen vor Fahrzeugen im toten Winkel und Querverkehr, erkennen mithilfe von je zwölf Kameras und Ultraschallsensoren sowie einem Radar auch Fußgänger und Radfahrer, leiten bei Bedarf entsprechend die Notbremsungen ein. Im Premiumsegment, zu dem Polestar gehört, ist dies der Standard. Uns gibt es ein gutes Gefühl.
Auch betrachten wir das Cockpit samt Infotainment als höchst attraktiv. Klar, modern, ohne aufdringlich zu sein. Einfach zu erfassen und zu bedienen. Das 10,2 Zoll große und volldigitale Fahrerdisplay hinter dem Lenkrad liefert, grafisch ansprechend und gut zu lesen, die wichtigsten Informationen wie Geschwindigkeit, Reichweite und Akkustand. Klar strukturiert ist auch das Head-up-Display, das die Daten an die Windschutzscheibe projiziert.

Ladestopp automatisch geplant
Der zentral über der Mittelkonsole angeordnete Touchscreen misst 15,4 Zoll. Auch hier gilt: modern, dezent, intuitiv zu bedienen. Ein Fingerwisch, schwupp, ist die Karte der Navigation den gewünschten Tick größer. Es hat was von Smartphone – und es fühlt sich gut an.
Dazu passt, dass auch Google mit an Bord ist. In der Landkarte, auch als sprachgesteuerter Assistent. Ein Knopfdruck auf dem Lenkrad, die Ansage aus dem Mund des Steuermanns: „Fahre mich nach München, Olympiapark.“ Der Pole-star versteht es auf Anhieb, kennzeichnet die Strecke entsprechend auf der Landkarte im Display – und die Navigation beginnt. Selbstverständlich ist es auch möglich, per Sprachbefehl die passende Ladesäule zu finden. Auf längeren Strecken plant die Software des Fahrzeugs etwaige Stopps zum Stromziehen automatisch mit ein.
Reichweite bis 620 Kilometer
Apropos Energiefluss. An Schnellladesäulen saugt der Polestar 4 den Strom mit der Leistung von bis zu 200 Kilowatt in seine Batterie. Laut Angaben des Herstellers können die Akkus in rund 30 Minuten von zehn auf 80 Prozent
geladen werden. Im Wechselstrombetrieb, etwa an der 11-kW-Wallbox zuhause oder am Arbeitsplatz, braucht es zehn bis elf Stunden, um die fast leere Batterie auf 100 Prozent zu laden.
In der von uns gefahrenen Long-Range-Version soll das SUV-Coupé bis zu 620 Kilometer weit kommen, ohne nachzuladen. Das klingt vielversprechend. Auf unserer Testfahrt bemerken wir wohl, dass der Polestar selbst auf der Autobahn bei Tempo 130 vergleichsweise effizient unterwegs ist. Im Durchschnitt verbraucht der flotte Stromer mit weniger als 20 Kilowattstunden auf 100 Kilometer unterwegs. Okay, wir sind relativ entspannt unterwegs. Die Höchstgeschwindigkeit von 200 steuern wir testweise nur kurz an.

Genussvoll in jeder Sequenz
Wir halten fest, dass der Polestar auch bei höherer Geschwindigkeit jederzeit ruhig, stabil und kontrolliert zu steuern bleibt. Er schiebt auch bei 150 noch kräftig an, die Bremsen greifen konsequent. Doch ganz ehrlich: Tempo 130 auf der rechten Spur oder in der Mitte, das reicht uns vollkommen. Sportlich und komfortabel, der chinesische Schwede bringt es in seiner stilvollen Originalität zusammen. Wir genießen die Ausfahrt bis zum letzten Stopp.
Weitere Version geplant
Der Polestar 4 steht in der Version Long Range Single Motor mit 61.900 Euro auf der Preisliste. Er ist, was Komfort und Sicherheit betrifft, vergleichsweise umfangreich ausgestattet. Als Extras werden beispielsweise Räder auf 22 Zoll und das Harman-Kardon-Audiosystem angeboten. Die Leasingraten starten bei gut 400 Euro im Monat.
Für alle Liebhaber der Heckscheibe sei an dieser Stelle noch angemerkt: Die Konstrukteure von Polestar arbeiten gerade an einer weiteren Version des Modells. Der neue Vierer soll laut Hersteller „den Raum eines Kombis mit der Vielseitigkeit eines SUV“ verbinden und im vierten Quartal dieses Jahres auf den Markt kommen. Unter der Gürtellinie, wie es im Fachjargon heißt, bleibt das Fahrzeug gleich, darüber sollen 48 Teile der Karosserie geändert werden. Und, jahaaa, die Heckscheibe wird integriert.

Technische Daten
Hersteller | Polestar |
Modell | 4 Long Range Single Motor |
Antriebsart | Elektro |
Leistung | 200 kW / 272 PS |
Maße / Gewicht | 4840 x 2008 x 1534 mm / 2230 kg |
Antriebsachse | Hinterrad |
Türanzahl | 5 |
KofferraumÂvolumen | 526 - 1536 l |
Reichweite | 620 km (WLTP) |
0-100 km/h | 7,1 Sekunden |
Spitze | 200 km/h |
Preis | 61.900 € |