Kolumne Kurt Sigl: Vom Heldenlärm zur leisen Verunsicherung
- Kurt Sigl

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Einst war die Welt am Erzberg noch in Ordnung. Die Motorräder, die beim härtesten Bergrennen der Welt vor der massiven Kulisse der Obersteiermark, gefahren wurden, waren laut und schwer. Sie rochen nach einer Mischung aus Benzin, Öl und fragwürdigen Lebensentscheidungen.
Wer am Berg bestehen wollte, musste nicht nur fahren können, sondern auch bereit sein, die Umwelt akustisch darüber zu informieren. Das Dröhnen der Motoren war schließlich ein wesentlicher Bestandteil des Naturerlebnisses.
Doch nun hält der Wandel des Antriebs Einzug. Elektromotorräder erobern die Strecke – und mit ihnen eine völlig neue Form der Identitätskrise. Jahrzehntelang wurde Leistung in Dezibel gemessen. Heute kommt plötzlich ein Motorrad daher, das klingt wie ein elektrischer Rasenmäher auf dem Motivationsseminar und zieht trotzdem mühelos den Hang hinauf.
Für alle Traditionalisten ist das schwer zu verkraften. Wie soll man seinen Enkeln später erzählen, dass man am Erzberg gekämpft hat, wenn auf den Videos im Hintergrund nur Vogelgezwitscher zu hören ist? Wo bleibt die Romantik, wenn man nach dem Rennen keine schwarze Rußschicht im Gesicht hat, sondern lediglich die Erkenntnis, dass Technologie manchmal tatsächlich funktioniert?
Besonders bitter: Die Physik zeigt sich erstaunlich unbeeindruckt von Nostalgie. Der Berg fragt nicht, ob die Energie aus einem Tank oder einer Batterie kommt. Er fragt nur: Kommst du rauf? Und während manche noch darüber philosophieren, ob Strom im Gelände überhaupt Männlichkeit transportieren kann, liefert das E-Motorrad sein Drehmoment bereits ab der ersten Umdrehung – völlig emotionslos und ohne die sonst übliche mechanische Oper.
Es wird immer Menschen geben, die überzeugt sind, dass ein Kraftrad erst dann richtig läuft, wenn Nachbardörfer über die erhöhte seismische Aktivität informiert werden müssen. Aber die Zukunft fährt bereits mit. Leiser. Effizienter. Und besonders gemein: oft schneller. Der Erzberg bleibt dabei der perfekte Schauplatz für diesen Kulturkampf. Auf der einen Seite die Verfechter des traditionellen Motorradlärms, auf der anderen die elektrische Fraktion, die ihre Konkurrenten überholt, ohne dabei die Zuschauer zu stören.
Der Berg selbst dürfte darüber schmunzeln. Schließlich hat er Generationen von Fahrern scheitern sehen. Ihm ist es völlig egal, ob jemand mit Benzin, Strom oder purem Starrsinn antritt. Am Ende liegen alle gleich erschöpft im Staub. Die einen riechen nach Kraftstoff. Die anderen nach Zukunft. Und beide sind überzeugt, im Besitz der einzig wahren Wahrheit zu sein, Das macht die Sache am Erzberg fast noch unterhaltsamer als das Rennen selbst.


