Strom ziehen hoch zwei: Wie E-Autos zu rollenden Speichern werden
- Armin Grasmuck

- vor 24 Stunden
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Perspektiven in Volt und Kilowattstunden: Die Bundesregierung hat durch eine Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes Ende des vergangenen Jahres den Weg für bidirektionales Laden in Deutschland nachhaltig geebnet. Das beidseitige Stromziehen – in die Batterie des Elektroautos und aus dem Fahrzeug hinaus – soll damit salonfähig und auch wirtschaftlich attraktiv werden.
Das bidirektionale Laden geistert bereits seit Jahren durch die Branche der Automobilisten, zahlreiche E-Fahrzeuge wie der BYD Atto 3 oder nahezu die gesamte batteriegetriebene Flotte von Kia sind seit geraumer Zeit entsprechend ausgestattet. Auch die geneigten Kunden zeigten zuletzt vermehrtes Interesse an dem Stromverkehr in beiden Richtungen. Es hakte an den Regularien.
Umso überraschender wirkt es, dass der Bundestag durch den geänderten gesetzlichen Rahmen die doppelte Belastung von rückgespeisten Strom mit Netzentgelten kurzerhand beseitigt hat. Dieser Paragraph behinderte bisher das sogenannte Vehicle-to-Grid (V2G), bei dem der Strom aus den Akkus der E-Autos ins öffentliche Netz eingespeist wird.
Nun sind die regulatorischen Eckpfeiler gesetzt. Seit 1. Januar dieses Jahres gilt Strom, der aus E-Autobatterien eingespeist wird, als Speicherstrom, der von Netzentgelten befreit ist. Für zentrale Anwendungsfälle wird keine Stromsteuer erhoben, das macht V2G für Haushalte und Unternehmen rentabel. Ab 1. April wird die Bundesnetzagentur zudem die technischen Voraussetzungen schaffen, die das bidirektionale Laden und Einspeisen ohne zweiten Zähler möglich macht.
Sechs bis zwölf Monate benötigen die Netzbetreiber, um ihre Systeme entsprechend anzupassen. Mitte dieses Jahres sollte das V2G in Deutschland marktreif sein. „Das ist ein echter Durchbruch“, sagt Marcus Fendt, Geschäftsführer der Technologieanbieters The Mobility House und ausgewiesener Experte, was das bidirektionale Laden betrifft: „Die Energiewende ist jetzt in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Elektroautos werden damit zu rollenden Speichern, und die Industrie hat die Chance, weltweit eine Vorreiterrolle einzunehmen.“
Bis zu 500 Euro pro Jahr sparen
Selbst der Verband der Automobilindustrie, kurz VDA, der die Mobilität von morgen bislang nur zaghaft forcierte, feiert das bidirektionale Laden als zentrale Zukunftstechnologie für erneuerbare Energien, die aufgrund von Effizienz und Flexibilität für die Verbraucher besonders attraktiv sei. Die Besitzer der Elektroautos können durch die entfallenden Netzentgelte beim beim Rückladen und die Einnahmen durch das Einspeisen ins Netz bis 500 Euro pro Jahr und Fahrzeug sparen. Der Wegfall der Stromsteuer gilt zunächst für Nutzer von Photovoltaikanlagen. Ohne Solarstrom bleibt V2G weniger rentabel, weil der Strom in diesem Fall nicht vom Netzentgelt befreit ist.
Langfristig betrachtet, werden die Elektroautos durch das bidirektionale Laden zu flexiblen Haushaltsspeichern, die dazu beitragen können, das Netz zu stabilisieren und in der Konsequenz die Energiekosten bei Spitzenlast entsprechend zu senken.
Neben dem V2G, dem Einspeisen des Autostroms ins Netz, gibt es weitere Formen des bidirektionalen Ladens, die bereits in die batteriegetriebenen Fahrzeuge integriert sind. Vehicle-to-Load (V2L) ist die einfachste Variante. Über eine Steckdose am Auto können Elektrogeräte, etwa beim Camping oder Werkzeuge, mit Strom versorgt werden. Beim Vehicle-to-Home (V2H) wird die Energie aus der Autobatterie ins Hausnetz eingespeist. Weitere Optionen sind Vehicle-to-Building (V2B) für Gewerbegebäude und seltener Vehicle-to-Vehicle (V2V) von Auto zu Auto.

Austausch mit Pointe
Es wirkt wie der perfekte Zeitpunkt. Wenige Tage, bevor die Bundesregierung überraschenderweise den Weg für das bidirektionale Laden ebnen wird, bittet die Keba Group zum offenen Austausch von Innovationen in diesem Segment. Christoph Knogler (links), CEO des Technologieunternehmens, betrachtet das wechselseitige Stromziehen als Schlüsselfaktor der Energiewende – wenn batteriegetriebene Fahrzeuge den Strom keineswegs nur verbrauchen, sondern auch speichern und bei Bedarf in das öffentliche Netz einspeisen können. Wie dies in der Praxis bereits umgesetzt wird, kann Marcus Fendt (rechts), CEO von The Mobility House, berichten. Der Anbieter für Ladelösungen und Energiemanagement hat in Kooperation mit Renault bereits ein konkretes Projekt in Frankreich etabliert.
Info: keba.com


