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  • Armin Grasmuck

Ford Mustang Mach-E im ELECTRICAR-Praxistest

Muscle Car, das klingt massiv. Mächtig. Oder: Möchtegern? So schnell und einfach, wie es scheint, ist es keineswegs zu deuten. Muscle Cars – zu Deutsch: Muskelautos – sind zuallererst sportliche und attraktiv gezeichnete Autos aus Übersee, mit reichlich Kraft auf den Rädern, den höchsten Spaßfaktor inklusive. Angesiedelt in der gehobenen Mittelklasse, erschwinglich für jedermann – und zumindest, was das Selbstbewusstsein betrifft, auf Augenhöhe mit den Supersportlern im preisintensiven Spitzensegment. Ein vollelektrisches Muscle Car? Geht gar nicht. Oder doch? Der Ford Mustang Mach-E hat zumindest das Potenzial, als erster Muskelstromer zu punkten. So kräftig und energiegeladen, wie er daher kommt.

Mit Angriffslust und Schwung


Allein die atemberaubend nach unten gezogene und munter gewellte Frontpartie versprüht mehr Angriffslust und Schwung als andere Autos vom Grill bis zum Stufenheck. Sofort wird klar: Der Mach-E ist kein Fahrzeug für Langweiler. Er ist scharf, er ist sportlich – und er wirkt schon von außen unheimlich stark. Kurios: Wer versucht, diese Konturen einzuordnen, wird irgendwo im Bereich Crossover-SUV landen. Der Mach-E ist definitiv kein flaches, breites Coupé, wie der mit Benzin befeuerte Ford Mustang, der alle Attribute des Muscle Cars verkörpert. Dagegen hat der elektrische Mustang fünf Türen und noch einiges mehr, was ihn von den Markenbrüdern mit den Verbrennungsmotoren unterscheidet.


Stichwort Türen, da geht‘s ja schon los. Haben Sie schon einmal solche Türen gesehen? Kein Griffe, keine Schlösser. Der Erstanwender wird stutzig. Wie gut, dass der etwas Vertrautere aus dem Hintergrund ruft: „Einfach auf das kleine Knöpfchen drücken!“ Wir drücken also das kleine Knöpfchen, das über einem ebenso dezenten Haltebalken in der unteren Ecke der Türscheibe eingebaut ist und – zack – die Tür geht auf.


Bei den Einlässen im Fond fehlen ­übrigens die Haltebalken, was die kleinen Knöpfchen noch unscheinbarer werden lässt und zumindest bei den geneigten Erstanwendern für rätselhafte Blicke sorgt. Wer sich daran gewöhnt hat, wird den Fortschritt zu genießen wissen und das Einstiegen künftig mit einem lässigen Wischer über das Knöpfchen zelebrieren.


Wir steigen ein und sitzen bequem. Noch. Das galoppierende Pferd mit auf dem Lenkrad, das Mustang-Logo, das auch an der Front des Fahrzeugs knapp über dem Kennzeichen beschleunigt, scheint einen heißen Ritt zu versprechen. Der Ford Mustang Mach-E ist im Innern klar strukturiert und geräumig. Neben dem Lenkrad dominiert das riesige, vertikal eingebaute 15,5-Zoll-Zentraldisplay mit dem integrierten, überdimensionierten Drehregler für die Lautstärke. Der Bildschirm ist hochaufgelöst, das Menü ist groß, in seinen Details jedoch nur mit klarem Blick und Ruhe zu durchschauen.

XXL-Bildschirm: Der 15,5 Zoll große Touchscreen mit dem eingebauten Drehregler für die Lautstärke ist das zentrale Element in der Wagenmitte.


Zum einladen: Der Kofferraum bietet ausreichend Platz – mit umgeklappten Rücksitzen bis zu 1520 Liter.

Von zahm bis temperamentvoll


Wir wollen los! Über den Touchscreen können wir den Fahrmodus wählen. Doch was lesen wir da? „Zahm“, „Aktiv“ und „Temperamentvoll“. Oh weh, so wie es da geschrieben steht, klingt zahm schon irgendwie bedrohlich. Und wie, bitteschön, ist der Unterschied zwischen aktiv und temperamentvoll definiert. Wir probieren es aus – und starten ganz zahm. Den Drehregler auf der Mittelkonsole auf D, los geht‘s. Der Mustang Mach-E schnurrt, Muskeln hin oder her, wie ein Elektroauto eben schnurrt. Das leichte Treten des Strompedals scheint er kaum zu spüren. Er gleitet durch die Vorstadt, fast sanft. Und doch: Es ist klar, da kommt noch mehr. Wir verlassen die Landeshauptstadt und steuern auf die Alpen zu. Auf der Stadtautobahn treten wir etwas fester ...


Das ist mächtig, fast brutal. Kurz scheint uns der Sitz unter dem Hintern wegzufahren. Der Mach-E zieht durch – und wie. Mit dem Drehmoment von 580 Newtonmeter schiebt er sich nach vorn. Wir greifen das Lenkrad fester. Schnell bemerken wir den wahren Charakter dieses Muskelstromers. Puh, das ist heftig. Mit der Kraft und dem damit verbundenen Tempo wird aus dem gemütlichen Dahinschaukeln tatsächlich ein wilder Ritt, mit allem, was dazu gehört.


Das Fahrwerk ist sportlich ausgelegt, was in der Praxis bedeutet: Der batteriegetriebene Mustang liegt gut auf der Straße, und er überträgt die Verhältnisse nahezu 1:1 in die Fahrgastzelle. Jede Welle im Asphalt, jeder kleine Buckel – der Fahrer und seine Gäste spüren es vom Gesäß bis in die Wirbelsäule. Von wegen zahm ... Aktiv und temperamentvoll versprechen natürlich noch etwas mehr Dynamik und Intensität, doch das Fahrgefühl bleibt unverändert: sportlich mit Kick.


Fünftürer im Zeitgeist


Hier gilt es festzuhalten: Dieser Ford Mustang Mach-E ist eben kein Coupé für adrenalinsüchtige Asphalt-Cowboys. Als Fünftürer mit viel Platz und dem entsprechenden Komfort, auch auf der Rückbank, und dem verhältnismäßig voluminösen Kofferraum ist er zumindest in der Theorie auch als Familienkutsche im Zeitgeist konzipiert. Selbstverständlich taugt der Stromer mit dem Pferd im Logo auch als Geschäftswagen – für die Vertriebsleute in den Branchen mit progressivem Ansatz.


Doch selbst die lässigeren Zeitgenossen werden mit Blick auf den aktuellen Preis etwas stutzig registrieren, dass der Mustang Mach-E innerhalb kürzester Zeit unheimlich kostspielig geworden ist. Das von uns getestete Modell – Extended Range, Allradantrieb – kostete in der Grundversion im Januar dieses Jahres 64.200 Euro, im Oktober stand er mit 77.200 Euro in der Liste. Das sind 13.000 Euro mehr in nur neun Monaten, echt happig.


Ansprechende Reichweite


Wer sich auf den Ford Mustang Mach-E einlässt, kriegt ein akkubetriebenes Kraftpaket – mit der ansprechenden Reichweite von 540 Kilometern. Diese Spanne reduziert sich selbstverständlich mit dem harten Tritt auf das Strompedal massiv. In jedem Fall sind, je nach Bedürfnis, flotte und noch flottere Ausfahrten garantiert. Der Mach-E kann auch gemütlich schnurren. Auf Dauer widerspricht das einfache Dahingleiten jedoch spürbar seinem Charakter. Dieser Ford sollte, wie seine Ahnen auf Verbrennerbasis, ausreichend bewegt und beschleunigt werden. So kann er seine einzigartigen Qualitäten auf den Asphalt bringen. Gut geformte Muskeln und Batterie, das passt in diesem Modell nachweislich gut zusammen.


Technische Daten

​Hersteller

Ford

Modell

Mustang Mach-E

Antriebsart

Elektro

Leistung

258 kW / 351 PS

Maße / Gewicht

4.713 x 1.881 x 1.624 mm / 2.044 kg

Antriebsachse

Allrad

Türanzahl

5

​Kofferraum­volumen

502 bis 1.520 l

​Reichweite

540 km (WLTP)

0-100 km/h

​5,1 Sekunden

Spitze

180 km/h

Preis

ab 77.200 Euro






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