Kolumne Kurt Sigl: Wenn die Zukunft einfach weiter fährt

Wasserstoff, oder wie manche sagen: Wossastoff, ist eine bemerkenswerte Technologie. Seit rund vierzig Jahren steht sie im stetigen Takt kurz davor, die Automobilwelt zu revolutionieren.
Bereits 1979 begann BMW mit Wasserstoff zu experimentieren. Es folgten Daimler, Toyota, Hyundai und jede Menge Forschungsvehikel. Immer begleitet von derselben frohen Botschaft: Der Durchbruch steht unmittelbar bevor.
Man muss es der Branche lassen und den Erfindern der NOW – kurz für: Nationale Organisation für den Wandel in der Mobilität, der Begriff „Wasserstoff“ wurde im Februar dieses Jahres aus dem Namen gestrichen – in der Politik ganz speziell: Bei diesem Satz ist sie erstaunlich ausdauernd. In den 1990er-Jahren wurden die ersten Brennstoffzellenfahrzeuge präsentiert und um die Jahrtausendwende zeigte BMW mit dem Hydrogen 7, dass man sogar eine Luxuslimousine mit Wasserstoff bewegen kann.
Technisch beeindruckend. Praktisch ungefähr so alltagstauglich wie ein Kühlschrank im Kofferraum. Dann kam die „Zukunft“ von Toyota namens Mirai und bis heute fährt die Technik vor allem dorthin. irai heißt übersetzt übrigens tatsächlich Zukunft. So viel Zukunft auf einmal, es ist kaum auszuhalten.
Das Prinzip wirkt eigentlich großartig: Wasserstoff tanken, elektrisch fahren und hinten kommt Wasser heraus. Nur vorne muss irgendwo eine Wasserstofftankstelle stehen. Doch die werden immer weniger. Es ist also mehr als gewagt, eine Reise mit dem Wasserstoffauto zu planen.
Das Batterieauto hat es da wesentlich leichter. Es sagt nicht: Wir brauchen eine völlig neue und von Verlusten geprägte Infrastruktur. Es sagt: Hast Du eine Steckdose? Dies klingt offenbar überzeugender.
Die Wasserstoff-Lobby zeigt sich davon wenig beeindruckt. Dort arbeitet man weiter mit Fördergeldern, und vielleicht ist dies der Grund, zeitnah die nächste Generation zu planen. Aufgeben geht nicht.
2028 vielleicht, oder 2030 vielleicht, oder auch 2035 – Wasserstoff ist geduldig. So tut er das, was er am besten kann: die Zukunft versprechen. Womöglich ist es gar kein Antrieb, sondern nur ein Dauertermin im Kalender der Automobilindustrie.
Wer weiß, vielleicht erleben wir den Durchbruch ja doch noch, oder unsere Enkel, Urenkel oder Ururenkel. Wie viele Fördergelder werden da wohl noch den Bach runtergehen? So lautet die Frage, die ich mir im Namen der Steuerzahler stelle. Und bitte, komme mir keiner mit dem Wasserstoff-Lkw. Oder doch? Nein!

Hier schreibt Kurt Sigl
Er streitet, poltert und insistiert. Er treibt und verbindet, erklärt und stört. Kurt Sigl ist Experte der Elektromobilität und schickt für jede Ausgabe von electricar eine E-Mail aus Ingolstadt, in der er aktuelle politische, wirtschaftliche und soziale Themen seiner Branche analysiert und kommentiert. Als Mitbegründer und langjähriger Präsident des Bundesverbandes eMobilität gilt Sigl als Leitfigur auf den Gebieten der Elektromobilität und der erneuerbaren Energie. Der kernige Oberbayer, einst im Dienst von Audi, punktet mit seiner über Jahrzehnte ausgeprägten Expertise und der Gabe, Menschen zusammenzubringen. Mit Nachdruck arbeitet er daran, traditionelle Strukturen und Denkmuster zu hinterfragen, um Raum für neue und zukunftsfähige Modelle zu schaffen.


